13.57 Uhr. Das Interview mit Peter Jenkins vom Guardian verspätet sich fast um eine halbe Stunde. Der Journalist wird vom, stellvertretenden Regierungssprecher Grünewald und von einem Stenographen aus dem Bundespresseamt begleitet. Für das Gespräch mit dem Kanzler hat Jenkins eine der besten Einführungen mitgebracht, die einem britischen Journalisten bei Helmut Schmidt die Türen öffnen kann: eine Empfehlung des britischen Schatzkanzlers Denis Healey, den Helmut Schmidt zu seinen ältesten Freunden unter den Politikern zählt.

Der Brite beginnt geschickt: Er erzählt Helmut Schmidt, was seine Landsleute schon alles von ihm wissen: „... that you are a very tough operator – left of center, that you know your economics but that you have some difficulties to identify yourself with the SPD.“ Beim letzten Punkt widerspricht der Kanzler, aber als Jenkins ihn dann als den in der westlichen Welt anerkannten Wirtschaftspolitiker bittet, eine Diagnose der englischen Krankheit zu geben, erliegt er dieser Verführung und macht aus seinem Herzen keine Mördergrube.

Die englische Sprache, die er perfekt und gerne spricht, macht es ihm leicht, noch deutlicher zu werden, als er schon auf deutsch ist. Er scheut sich nicht, die Dinge beim Namen zu nennen, auf die Fehler der britischen Gewerkschaften zu zeigen („narrow-minded insularity“) und auf die der Unternehmer („the sleepy nine-to-five management“); die Klassenstruktur der englischen Gesellschaft zu schelten und die Misere von allen Seiten bengalisch zu beleuchten. Wer Verhaltenheit im Einsatz der Mittel für eine Tugend hält, braucht sich da nicht zu wundern, daß Engländer sich hierdurch an Kaiser Wilhelm II. erinnert fühlten.

Während des Gesprächs löffelt der Kanzler die gewohnte Suppe – eine Tasse „doppelte Kraftbrühe“, die ihm mit einer mit Butter bestrichenen Schwarzbrotscheibe serviert wird. Den Gesprächsteilnehmern bietet er an, an seinem kärglichen Mahl teilzunehmen. Nein, man dankt.

Klatsch entspannt die Mächtigen

15.48 Uhr. Zum Schluß stellt der Kanzler dem Interviewer selber Fragen und läßt sich von Jenkins Personalien aus der Londoner Regierung und Opposition berichten: Was macht Margaret Thatcher, die Chefin der Konservativen? Und Denis Healey? Wird er auf dem Labour-Parteitag Schwierigkeiten bekommen? (Healey verlor seinen Posten im Vorstand der Partei an Eric Heffer.) Klatsch entspannt auch die Mächtigen. Als das Gespräch zu Ende ist, wartet schon der nächste Besucher, Schmidts früherer Verleger Seewald. Das Gespräch mit Jenkins hat fast zwei Stunden gedauert. „Der Kanzler redet nun mal so gerne englisch“, stöhnt ein Mitarbeiter.

16.00 Uhr. Staatssekretär Bölling begleitet den Verleger. Er hat wohl die leise Sorge, daß der Kanzler aus alter Anhänglichkeit den Überredungskünsten Seewalds nicht gewachsen sein könnte. Seewald, dessen Verlagsprogramm heute eher rechtslastig ist, hatte einst dem Buchautor Helmut Schmidt Starthilfe gegeben. In seinem Stuttgarter Verlag war 1961 Schmidts erstes Buch unter dem Titel „Verteidigung oder Vergeltung“ erschienen – der erste Beitrag aus deutscher Feder zur Nuklearstrategie.