Der Deutsche Eislauf-Verband (DELV) der DDR beschloß 1971, die „medaillenintensive“ olympische Sportart Eisschnellauf – so heißt das im Sprachgebrauch der DDR – forciert zu fördern. Drei Jahre später ernteten DELV-Verbandstrainer Rudi Schmieder und DELV-Generalsekretär Horst Briesemeister den ersten frühen Lorbeer, und Thormod Moum, einst deutscher und heute wieder norwegischer Cheftrainer, behauptete: „Ich glaube, der Weg zu großen Erfolgen führt in unserem Sport künftig nur noch über die Läufer der DDR.“ Sein deutscher Freund und Kollege Herbert Höfl aus Inzell, zweifelsohne einer der anerkannten Fachleute der Branche, ging noch einen Schritt weiter: „Im Winter 1973/74 kamen die Läufer der DDR. 1976 bei den Olympischen Winterspielen in Innsbruck werden sie ganz vorn sein.“ Vor einem Jahr war’s, daß Herbert Höfl den Propheten spielte. Er konnte nicht ahnen, daß die 21jährige Ostberlinerin Karin Kessow vom SC Dynamo Berlin schon 1975 Weltmeisterin im Vierkampf und ihre 20jährige Vereinskameradin Heike Lange Junioren-Weltmeisterin und dazu auch noch Vize-Weltmeisterin im Sprint werden würde. Der 21. Januar 1974 von Cortina d’Ampezzo war also keine Eintagsfliege gewesen: Im Dolomitental war Manfred Winter vom SC Karl-Marx-Stadt an diesem Tage Junioren-Weltmeister geworden.

Und es war auch kein Zufall, daß die Eis-Athleten aus Ostberlin, Karl-Marx-Stadt und Dresden die ersten Eisschnelläufer der Welt sind, die im olympischen Winter schon wieder für Schlagzeilen gesorgt haben. Auf der 1692 Meter hoch gelegenen „Wunderbahn“ von Medeo im fernen Kasachstan liefen sie zu einer Zeit, da die Schützlinge eines Herbert Höfl noch gar nicht wieder ans Eistraining dachten, neun fabelhafte Rekorde, einer besser als der andere. Es ist jedenfalls kein Zufall, daß in sieben von neun olympischen Disziplinen die Rekorde des DELV der DDR bereits besser sind als die der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) der Bundesrepublik. Das gilt auch für alle Rekordleistungen der Olympiasiegerin Monika Holzner-Pflug, die sich mit ihrem höchst widersprüchlichen Verhalten so negativ ins Gerede gebracht hat. Einflußreiche Stimmen innerhalb der DESG meinen sicherlich nicht ganz ohne Grund, die junge Dame habe ihre olympischen Felle davonschwimmen sehen und gefürchtet, ihrer angekratzten Favoritenrolle für Innsbruck nicht mehr gerecht werden zu können. Zum Ärger mit ihrem Trainer kam gewiß auch der Schock über die Fabelzeiten von Medeo.

Gewiß läuft sich’s in der Höhe von Alma-Ata schneller als irgendwo in der Welt. Und mancher bundesdeutsche Rekord wäre auch schon besser, wenn man den Lichtenstern, Schwarz, Koppen, DDR-Flüchtling Freese oder – früher – Keller auch einmal Starts auf dem sowjetischen Rekordoval erlaubt hätte. Aber nichtsdestotrotz haben die spektakulären Rekorde von Medeo Europas Eisschnellauf-Trainer frösteln lassen.

Karin Kessow und Heike Lange vom SC Dynamo Berlin, Monika Zernicek und Ute Dix vom SC Karl-Marx-Stadt, samt und sonders 19- bis 21jährige Schülerinnen und Studentinnen, sind heute die stärkste Eisschnellauf-Mannschaft der Welt. Sie bürgen in Innsbruck für Siege und Medaillen. In ihrem Schatten warten bereits Talente wie die 16jährige Ines Baumann und die 15jihrige Andrea Mitscherlich auf ihre Chancen, Mädchen von beispiellosem Talent und Können. Ein Vergleich ist interessant: Die jenseits der DDR völlig unbekannte Andrea Mitscherlich lief jüngst in Medeo 4:55,1 Minuten über 3000 Meter. Und wurde damit doch nur Dritte hinter Monika Zernicek und Ute Dix. So schnell wie Andrea Mitscherlich war im letzten Winter kein Mädchen in ganz Amerika. Und Monika Holzner-Pflugs bundesdeutscher Rekord steht bei 5:01,60 Minuten.

Leen Pfrommer, Hollands Cheftrainer, der Ard Schenk, Jan Bols und Kees Verkerk einst zu ihren größten Triumphen geführt hat, urteilt über die neue Szenerie: „Die Langeweile im Eisschnelllauf ist vorbei. Es gibt neue Namen aus einem Land, das jahrelang keine Rolle mehr gespielt hat.“ Leen Pfrommer meint DDR-Eisschnellauf-Stars wie Helmut Kuhnert und Helga Haase. Doch Helmut Kuhnert und Helga Haase waren einst Produkte des Zufalls. Karin Kessow, Hake Lange, Monika Zernicek, Ute Dix, Manfred Winter, der erstklassige Sprinter Klaus Knauer aus Dresden, Klaus Wunderlich und Harald Oehme aus Ostberlin sind keine Zufallsprodukte mehr, sondern systematisch geformte Eis-Athleten. Deshalb ist auch das Urteil Thormod Moums verständlich: „Diese Läufer werden jahrelang gewinnen – und wir werden jahrelang hinterherlaufen.“ Thormod Moums Prophezeiung ist die Antwort auf Leen Pfrommer. Dem Eisschnellauf droht eine neue Langeweile.

In Innsbruck wollen die DDR-Trainer ernten, was sie seit 1971 systematisch und bis 1974 in aller Stille vorbereitet haben. Es wird ihnen um so leichter fallen, als mit Monika Holzner-Pflug und der 23jährigen Holländerin Sippie Tigchelaar, der Weltrekordlerin über 3000 Meter, die einzigen Eisschnelläuferinnen Westeuropas von Format ihren Abschied vom Leistungssport erklärt und die Schuld bei ihren Trainern, Herbert Höfl und Gerard Maarse, gesucht haben. Nur, dergleichen Verhalten wäre in der DDR nicht möglich. Ein „Fall Holzner“ ist in der DDR unvorstellbar. Das ist positiv und negativ, tröstlich und deprimierend zugleich.

Karl Morgenstern