Um Ursachen und Verläufe sich wechselseitig dynamisierender Interessen von Industrie, Staat und Militär im Deutschland der letzten hundert Jahre geht es in der Bestandsaufnahme von

George W. F. Hallgarten und Joachim Radkau: „Deutsche Industrie und Politik von Bismarck bis heute“; Europäische Verlagsanstalt, Köln 1974; 574 S., Kt. 58,–, Ln. 70,– DM.

„Es galt“, so das Ziel der Autoren, „dem heutigen Leser – Laie wie Fachmann – etwas zu bieten, was es – zumindest in dieser Form – noch nicht gibt: eine knappe geschichtliche Darstellung des Hochkommens und Wachstums der deutschen Industrie und ihrer politischen Meinungen und Wirkungen.“ Die Lektüre läßt den Fachmann erstaunen und den Laien darüber froh ergrimmen, wie es Hallgarten „denen da oben“ mal so richtig zeigt.

Auf 200 Seiten geht es Parforce von der industriellen Revolution zum Ende Weimars. Statt mehr Einsichten in die Voraussetzungen und Kontinuitäten der sozioökonomischen Strukturen zu vermitteln, werden Fakten kombiniert, die nur Vorurteile bestätigen. All dies nach dem Motto: Ministerialbürokratie und Generalität überschlugen sich vor Eifer, den Wirtschaftsmagnaten immer neue imperialistische Schwelgereien zu gestatten und nach dem tiefen Sturz in eine gehaßte Wirklichkeit anderen die Rechnung dafür zuzuschieben. Wie etwa soll der Laie Hallgartens Verdikt verstehen, „daß den deutschen Militärs eine offensive Strategie durch die deutsche Sozialstruktur vorgeschrieben war“?

Zudem geraten Schlüsselpersonen zu Objekten possierlicher Häme, zum Beispiel: „Ein Werk des fuchsigen preußischen Finanzministers Johannes Miquel, der sich vom Sozialisten und Freund von Karl Marx zum Großbankdirektor, Oberbürgermeister von Großstädten und führenden Parlamentariern durchgestrebt hatte, um 1897 auch noch geadelt zu werden ...“

Der kritikwürdigen Distanzlosigkeit des einst bedeutenden Imperialismusforschers Hallgirten möchte man gern die rauschhafte Überzeugung von einem sozialen Gegenmodell zur deutschen Geschichte zubilligen. Doch leider bleibt hier alles Collage.

Den zweiten Teil des Buches führt Joachim Radkau von Hitler-Deutschland bis zur Gegenwart. Auch hier eine Fülle moralischer Zensuren, aber weit weniger im Stil der modisch konformen Entlarvungshektik einer historischen Sozialgeschichte. Bedachtsamer und sprachlich disziplinierter als Hallgarten rekapituliert er die wesentlichen Entscheidungsverläufe. Die neuen Kopplungsmanöver alter Eliten, die Einrichtung des Wirtschaftsriesen Bundesrepublik im westeuropäischen Kraftzentrum, die Wettkämpfe um die ökonomische Statthalterschaft der USA auf dem alten Kontinent zwingen fast überall zur Feststellung sozialer Reaktionsverspätung auf die Dynamik wirtschaftlicher Prozesse. Moralische Umschuldung in die Anonymität und fragmentarische Erneuerung nach 1945 spiegeln die Krise.