Washington

Die Sachverständigen stimmen nur in einem Punkt überein. Karen Ann Quinlan wird nie Wieder in der Lage sein; geistig und körperlich wie ein normaler Mensch zu funktionieren, „weil sie sich in einem permanent vegetativen Zustand befindet. Sie kann ihre Sinne nicht mehr nutzen, nicht mehr logisch und vernünftig denken. Sie ist weder zu Empfindungen fähig noch in der Lage, Dinge wahrzunehmen“. So urteilt der New Yorker Neurologe Dr. Julius Korein, während seine Kollegen den Anblick des kranken Mädchens als „grotesk“ bezeichnen: „Sie ist bis auf Knochen und Haut abgezehrt. Ihre Gliedmaßen sind verzerrt und verdreht. Sie liegt zusammengekrümmt in der Position eines Embryos.“ Alle stimmen überein, daß die Gehirnschäden der Patientin „unheilbar sind“.

Hat Karen Ann Quinlan das Recht, in „Würde und Anstand“ zu sterben? Weil die 21 Jahre alte Amerikanerin, die seit mehr als sechs Monaten im Koma, dem Zustand tiefster Bewußtlosigkeit, liegt, nicht mehr selbst entscheiden kann, wollen die Adoptiveltern das Recht für sie erstreiten. Vor einem Gericht in der Kleinstadt Morristown im US-Bundesstaat New Jersey stellten sie den Antrag, das Atemgerät abschalten zu dürfen, das ihrer Tochter das Leben erhält. „Karen Ann“, sagte die Mutterunter Tränen, ,,hat mehrfach zu mir gesagt, daß sie unter keinen Umständen mit außergewöhnlichen Mitteln am Leben erhalten werden will.“ Dies bestätigte auch eine Freundin, nachdem Karen Ann den langsamen und schmerzhaften Krebstod eines Bekannten miterlebt hatte.

Die behandelnden Ärzte der Karen Ann Quinlan haben die Bitte der Eltern abgelehnt. Sie würden, so sagen Dr. Robert Morse und Dr. Arshad Javed, sogar einen Befehl des Gerichts nicht ausführen, die Maschine abzustellen, „weil eine solche Entscheidung die derzeitigen Grundsätze der praktischen Medizin verletzen würde“.

Doch Morse und Javed mußten sich während der letzten Wochen von Kollegen sagen lassen, daß das „Recht auf Tod“ von manchen Medizinern durchaus anerkannt wird. Prominentester Vertreter dieser Ansicht ist der südafrikanische Herzspezialist Dr. Christiaan Barnard, der in einem Gespräch mit dem amerikanischen Wochenmagazin U.S. News + world report erklärte: „Ein Arzt hat kein Recht, das Leben eines Menschen, der vom Tod gezeichnet ist, mit allen Mitteln zu verlängern.“

Mit der ersten Herzverpflanzung Barnards 1967 hatten Sich Mediziner weltweit mit der Frage beschäftigt, wann ein Mensch als tot gelten kann. 1969 arbeitete die medizinische Fakultät der Harvard University Richtlinien aus, nach denen ein Mensch für tot erklärt werden kann, wenn 24 Stunden lang keine Gehirnströme festzustellen sind, die Pupillen starr und weit sind, das Atmen aus eigener Kraft nicht mehr möglich ist und der Körper auf Stimulationen von außen nicht reagiert.

Im Fall der Karen Ann Quinlan haben sich die Sachverständigen geweigert, Hirntod Zu attestieren. Wie Dir. Javed vor Gericht berichtete, sei die Patientin nicht nur in der Lage, bis zu dreißig Minuten ohne technische Hilfe zu atmen, sie reagiere auch, wenn man sie am Oberarm kratze. Obwohl der Neurologe Korein sie mit einem „Kind ohne Hirn“ vergleicht, können die Ärzte noch Hirnaktivität auf dem Elektroenzephalographen (EEG) registrieren, was Karen Anns gerichtlich ernannter Vormund, Daniel Coburn, zu dem Appell Veranlaßte: „Wenn der Hirntod eingetreten wäre, würde ich sagen, daß ihr Leben zu Ende ist; Aber so können wir es nicht einfach auslöschen, weil sie uns ein Dorn im Auge ist.“ Diese Ansicht vertrat auch der Verteidiger der Ärzte Morse und Javed, Ralph Porzio, indem er dem Richter die Frage stellte: „Wo ziehen wir die Grenze?“

Wie schwer die Grenze zu ziehen ist, zeigen die Argumente der Kontrahenten. Auf der einen Seite steht Quinlan-Verteidiger Paul Armstrong, der vom „Mißbrauch der medizinischen Technologie“ spricht: „Karen Ann ist ein lebendes Opfer des Fortschritts. Sie Wird gegen ihre natürlichen Impulse gezwungen, weiter zu funktionieren. Ist etwas unwürdiger für ein menschliches Leben, als zum Opfer des Glaubens zu werden, daß man den Tod mit der richtigen Kombination von Drähten und Geräten betrügen kann?“

Ärzte-Anwalt Porzio aber erinnerte an die jüngste deutsche Geschichte, als er den Standpunkt seiner Mandanten vortrug: „Wenn die Mediziner Nazi-Deutschlands mehr Unabhängigkeit gezeigt und sich geweigert hätten, an Experimenten teilzunehmen, wäre vielleicht die Massenvernichtung in diesem Umfang nicht passiert. Dieses Gericht soll über die Qualität eines Lebens befinden.“

Was den Fall besonders kompliziert, ist die Unsicherheit der Ärzte über die Ursachen, die zum Koma führten. Freunde Karen Anns berichten, das Mädchen habe häufig Drogen mit Alkohol-Exzessen verbunden, was auch am Unfalltag, dem 15. April dieses Jahres, geschehen sei. Da aber die medikamentösen Spuren in ihrem Blut nicht toxisch waren, bleibt nur noch diese Theorie: Drogen und Alkohol hätten Erbrechen verursacht, das Karen Ann in ihrer Bewußtlosigkeit nicht kontrollieren konnte. Als sie das Erbrochene schluckte, habe sie die Sauer-

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stoffzufuhr zum Gehirn unterbrochen, was den permanenten Schaden anrichtete.

Die Mediziner sind sich jedoch einig, daß Karen Ann Quinlan ohne technische Hilfe längst gestorben wäre. Doch nicht allein das Atemgerät, sondern auch die Antibiotika zur Verhinderung von Infektionen wie auch eine hoch kalorienhaltige Nahrungszusammenstellung, die es vor einigen Jahren noch nicht gab, haben den Tod verzögert. Jede weitere Hilfe aber würden die Ärzte versagen: „Wir würden mit großer Wahrscheinlichkeit eine Transfusion ausschließen, wenn ein Blutsturz auftritt, wie auch eine Operation natürlich nicht in Frage kommt“, sagt der Neurologe Dr. Sidney Diamond, ebenfalls ein Sachverständiger in dem Prozeß.

Doch das Dilemma der Quinlan-Ärzte ist nicht die Frage, ob sie der Todkranken eine Behandlung vorenthalten sollen. Sie müßten, um den Wünschen der Eltern zu folgen, eine bereits begonnene Therapie abbrechen, was mit Sicherheit tödlich wäre. Sie würden „Euthanasie betreiben und Gott spielen wollen“, wenn sie die Maschine abstellten, hatte der Jurist Porzio sie gewarnt. Ob dieser Vorwurf aber nicht ebenso zu erheben sei, wenn sie bei neuen Komplikationen eine weitere Behandlung verweigerten, hat er wohlweislich nicht gesagt, denn: passive Sterbehilfe ist unter amerikanischen Medizinern weit verbreitet.

„Karen Anns Unglück war, daß die Ärzte sie an das Sauerstoffgerät anschlössen“, urteilt ein kalifornischer Jurist. Doch auch passive Sterbehilfe ist keineswegs ungewöhnlich: Bei einer Befragung von 660 Internisten stellte Diana Crane, Soziologin an der Universität von Pennsylvania, fest, daß 43 Prozent der Ärzte zugaben, krebskranken Todeskandidaten hohe Dosen schmerzstillender Drogen zu verabreichen, um den Tod schneller herbeizuführen – ein klarer Verstoß gegen das amerikanische Gesetz, nach dem Euthanasie als Mord gilt.

Amerikanische Gerichte haben in der Vergangenheit freilich todkranken Menschen das Recht zugesprochen, Behandlungen zur Verlängerung ihres Lebens abzulehnen. In Fällen, wo Zeugen Jehovas aus religiösen Gründen medizinische Eingriffe für Angehörige ablehnten, wurden sie hingegen gerichtlich zur Behandlung gezwungen. Doch ein Fall, wo ein Patient, für den es keine Hoffnung gibt, nicht mehr selbst entscheiden kann, muß zum erstenmal beurteilt werden. Das Urteil wird, gleich wie es ausfällt, Schockwellen auslösen.

Sollte der Richter im Fall Quinlan die Sterbehilfe verweigern, könnte eine hochentwickelte medizinische Technologie künftig Ärzte zwingen, die Operationssäle und Intensivstationen mit hoffnungslosen Fällen zu füllen. Wird der Richter aber den Wünschen der Quinlans stattgeben, könnten Eltern in Zukunft Sterbehilfe für ihre behinderten Kinder, Söhne und Töchter für ihre alten und kranken Eltern, Altersheime, Krankenhäuser, Anstalten für geistig Behinderte einen „barmherzigen Tod“ für ihre siechen und hoffnungslosen Fälle verlangen. Und wer würde entscheiden, wann der Fall wirklich unabändeilich ist?

Die religiöse Seite des Problems haben die Quinlans, gläubige und praktizierende Katholiken, selbst gelöst. Erst als ihnen der Gemeindepfarrer versicherte, „daß die katholische Theologie (nach Papst Pius XII.) nicht verlangt, ein Leben mit künstlichen und außergewöhnlichen Mitteln zu erhalten“, hatte die Familie – Vater, Mutter und zwei jüngere Kinder – den Entschluß gefaßt, „Karen den liebevollen Händen des Herrn zurückzugeben“.

Doch wenn Karen Ann nicht zuvor stirbt, wird dieser Wunsch vorerst nicht in Erfüllung gehen, weil das Urteil – gleich wie es ausfällt – mit Sicherheit ein Berufungsverfahren nach sich ziehen wird. Die interamerikanische Diskussion hat freilich gezeigt, daß man am glücklichsten wäre, wenn der Tod dem Urteil zuvorkommen würde, denn das Gefühl der Ratlosigkeit, die Furcht, sich zu einer Entscheidung bekennen zu müssen, war nirgendwo deutlicher als in diesem Fall.