Von Dieter E. Zimmer

Einundzwanzig Jahre lang, seit ihrem Erscheinen 1954, wurde der "Geschichte der O" ein stiller, untergründiger Ruhm zuteil – wenn man diese Mischung aus Lüsternheit, Erschrecken, Verachtung und Bewunderung kurzerhand Ruhm nennen will.

Was dieser Roman (und seine Fortsetzung "Rückkehr nach Roissy") beschreibt, ist die Unterwerfung einer Frau. Er beschreibt sie mit den Standardrequisiten der pornographischen Phantasie: Geheimgesellschaften, strenge Rituale, Schlösser, Spezialkostüme, Fesseln, Ketten, Peitschen – eine verschlossene und unwirkliche Welt, durch die die Lust- und Schmerzensschreie ihrer bedauerns- oder beneidenswerten Bewohner gellen; und die immer in Gefahr ist, daß das Licht des Alltags plötzlich in sie eindringt und sie der Lächerlichkeit preisgibt; oder daß die Sittenpolizei auftaucht und ihre Zelebranten ins Gefängnis oder ins Irrenhaus sperrt.

Pornographie, natürlich. Aber Pornographie besonderer Art, eine Expedition in unausgeleuchtete Grenzbereiche der menschlichen Seele, eins jener bedrohlichen Schwarzen Bücher, die in der Nachbarschaft de Sades oder des obszönen Werks von Georges Bataille eher anzusiedeln sind als neben dem letzten bunten Heft über heiße Mädchen oder heiße Höschen.

Zu diesem untergründigen Ruhm trug nicht wenig das Geheimnis der Autorschaft bei. Als Verfasserin zeichnete eine "Pauline Réage". Während die Pornographie bis dahin ausschließ ich eine Domäne der Männer gewesen war, behauptete hier jemand, diese Obsessionen seien die eher Frau. Bis heute wollen es viele nicht glauben. Ungezählte französische Schriftsteller gerieten reihum in den Verdacht, die "Geschichte der D" geschrieben zu haben – allen voran Jean Paulhan, Mitglied der Académie Française, Chefredakteur der damals bedeutendsten französischen Literaturzeitschrift "Nouvelle Revue Française". Er hatte bewirkt, daß das Buch (bei dem jungen Verleger Jean-Jacques Pauvert) nach jahrelangem Zögern überhaupt erschien, er hatte zu ihm ein Vorwort beigesteuert, das mindestens ebensoviel Eindruck hinterließ wie der Roman, einen Essay über "Das Glück der Sklaverei", in dem er es als eins der großen Schlüsselwerke unserer Epoche feierte und eine mögliche, aber einseitige und irreführende Interpretation gab, die dem Buch bis heute zu schaffen macht: "Endlich eine Frau, die bekennt! Die was bekennt? Das, wogegen sich die Frauen aller Zeiten gewehrt haben (aber nie mehr als heute). Das, was ihnen die Männer aller Zeiten vorgeworfen haben: daß sie immer nur ihrem Blut gehorchen; daß alles an ihnen Sexualität ist, bis hin zum Geist... Daß sie einfach einen guten Herrn brauchen, der zudem seiner Güte nicht nachgibt... Kurz, daß man die Peitsche braucht, wenn man zu ihnen geht."

Paulhan starb 1968, Pauline Réage läßt sich wieder und weiter vernehmen. Die Hypothese, er sei der Autor, es könne sich überhaupt nur im einen typisch männlichen Wunschtraum von der Unterjochung des Frauengeschlechts handeln, ist zusammengebrochen. Die französische Polizei, die 1954 gegen das Buch (bald wieder abgebrochene) Ermittlungen angestellt hatte, bekam die Personalien der Autorin schnell zu fassen – und besaß die Diskretion, sie nicht publik zu machen. Hunderte in Frankreich müssen heute mit Sicherheit wissen, wer Pauline Réage ist – und alle respektieren ihren Wunsch, anonym zu bleiben.

In Deutschland war man weniger taktvoll. Rowohlts Literaturlexikon, zum Beispiel, nennt einen Namen. Vergleicht man die Eintragungen im französischen "Wer ist wer", die sich unter diesem Namen finden, mit den konkreten Details, die Pauline Réage in ihren gerade erschienenen Unterhaltungen ("O m’a dit", Verlag Pauvert) über sich verrät (geboren 19C7, Professorentochter, Schriftstellerin, Anglomanin), so wird man nur Übereinstimmungen finden. Das Geheimnis ist also wohl keines mehr. Wenn es dennoch gewahrt wird, dann aus Respekt vor dem Wunsch der Autorin, die Angehörigen und Freunde ihres höchst normalen und reputierlichen Alltagslebens nicht offen mit ihren heimlichen Phantasmen zu belasten; aus Verständnis, dafür, daß die Person des Autors in einem solchen Fall unerheblich ist, so, wie Pauline Réage es in einer Art Nachwort zu demRoman ("Une fille amoureuse") 1969 selber geschrieben hatte: "Was bin ich schließlich, ... wenn nicht der lange Zeit über verschwiegene, der nächtliche und geheime Teil von jemandem, der sich öffentlich niemals durch irgendeine Handlung, eine Geste, auch nicht durch ein Wort verraten hat, sondern vielmehr durch die Kellergänge des Imaginären Verbindung mit Träumen unterhielt, die so alt sind wie die Welt?"