Die Intendanten der deutschen Funk- und Fernsehanstalten haben beschlossen, in Unterhaltungssendungen keine Politiker mehr auftreten zu lassen. Gut so. Deutschen Politikern läßt sich manches nachsagen, aber daß ihr immer häufigeres Erscheinen in Unterhaltungssendungen deren Unterhaltungswert erhöht hätte, das zu behaupten, wäre üble Nachrede. Also bitte. Aber so mutig war das Intendantenkränzchen gar nicht. Die Fernseh-Oberen verfügten nur die Aussperrung der Unterhaltungsbremser "vom 1. April bis zur Bundestagswahl" im Herbst 1976.

Deshalb also! Jetzt kann sich in Zukunft jedermann auf diesen Zitter-Beschluß berufen, der bestätigt, was bisher nur vermutet werden durfte: daß auch der Auftritt eines Politikers in einer Schmus-Sendung ihm oder seiner Partei Wählerstimmen bringt. Von Politikern wurde dies zwar oft behauptet, von den Sendeanstalten bisher aber bestritten. Jetzt kann der alle Spontaneität verhindernde Sankt Proportius seine Herrschaft auch auf die Spielwiese der Unterhaltung ausdehnen. Wehe, eine Partei marschiert demnächst mal in einer Star-Parade nicht in der vom Bundesamt für Statistik zu errechnenden Mannschafts-Soll-Stärke mit. Da kommen aber, dallidalli, die Beschwerdebriefe der Partei-Generalsekretäre am laufenden Band, die von nun an mit Stoppuhr, Taschencomputer und – je später der Abend – mit gefurchter Rechner-Stirn vor dem Kasten hocken.

Anstatt zuzugeben, daß die Televisionsgeilheit der Politiker anders nicht mehr zu bremsen ist und man wenigstens ein Eckchen im Programm von ihr freihalten will, verrät der Schielblick auf die Wahl, daß der Beschluß zustande gekommen ist, um politischem Druck zu entgehen. So weise die Entscheidung auf den ersten Blick, so gering die Preisgabe an Souveränität auf den zweiten erscheint – in Wahrheit bedeutet die zeitweilige Verbannung der Politiker vom Bildschirm eine Kapitulation vor deren wachsendem Druck aufs Programm. Bitte nicht soviel Angst!

Eine Ahnung von solch politischer Pression vermittelt das Telegramm, das Franz Josef Strauß nach der jüngsten "Tatort"-Sendung dem Intendanten des verantwortlichen Senders Freies Berlin (SFB) schickte. Der Fernsehkritiker aus Bayern hielt "den gezeigten Film für einen Banditenfilm aus Montevideo mit Bordelleinlage" und sprach das saftige Kritiker-Wort: "Ich habe so was an Unfähigkeit, Dümmlichkeit, Geschmacklosigkeit und Verhöhnung der Berliner Polizei für unvorstellbar gehalten,"

Peter Stripps Film (Regie: Wolf Gremm) über finstere Geschäfte mit illegal eingereisten Türken in Berlin ist, mit guten Argumenten, hart kritisiert worden. Aber gerade dies, daß Polizeibeamte endlich einmal nicht als allwissende Super-Männer idealisiert, sondern in ihrer (dem Bürger nur zu vertrauten) Menschlichkeit, also auch Trägheit, Schwäche, kurz: auch in ihrem Scheitern gezeigt werden, ist keine "Verhöhnung" und alles andere als "ein echter Skandal", wie Strauß meint, sondern ein Realismus, der auf die Dauer mehr Sympathie für die Polizei weckt als die kalte Unpersönlichkeit fixer Kombinierer und ewig strahlender Stadt-Sheriffs, mit denen viele andere Krimis langweilen.

Der Berliner Intendant, Franz Barsig, hat Recht daran getan, Strauß’ anmaßende Fernsehkritik ("Stellen Sie doch bitte diesen Unfug sofort ein") in gleicher Tonart zurückzuweisen ("Der SFB hat es nicht nötig, sich von Ihnen im Stil von Vilshofen behandeln zu lassen") und daran zu erinnern, daß die "Arbeitsgruppe Ausländer" der Berliner Polizei an dem Film mitgewirkt und keinen Anstoß genommen hat. Wenn Politiker selber schon nicht mehr unterhalten dürfen, soll die Fernsehunterhaltung wenigstens nach ihrer Fasson sein; und wenn sie das nicht ist, unterhalten sie die Öffentlichkeit mit ihren Interventionen. Es wäre ja auch noch schöner, wenn irgendein Zipfel des Fernsehprogramms existieren dürfte, als gäbe es die Politiker nicht.

Rolf Michaelis