Von Armin Ayren

Lyrik ist wieder gefragt, hieß es auf der Frankfurter Buchmesse 1975. Es werden also wieder Gedichte gedruckt und auch gekauft, nicht nur geschrieben. Denn geschrieben werden sie immer. Der Romanschriftsteller ohne Erfolg sagt sich spätestens nach dem fünften rundum abgelehnten Manuskript, daß es reine Zeitverschwendung wäre, es noch mit einem sechsten zu versuchen, aber den Dichter ficht keine Ablehnung an: Er dichtet und dichtet. Er muß. Er kann nicht anders. Dichter sein ist eine Berufung, die wahrscheinlich nur der wirkliche Dichter je in Frage stellt – der andere, der sich einbildet, einer zu sein, kennt den Selbstzweifel nicht, er dichtet ja auch nicht selber, sondern es dichtet in ihm.

Über seinen Mißerfolg bei Verlagen tröstet er sich geschickt und mit Argumenten, die teilweise richtig sind, weil sie auch für echte Schriftsteller und Poeten immer häufiger zutreffen: Die Vermarktung der Literatur! Der Bestsellerrummel, der die Kleinen kaputtmacht!

Der Dichter läßt sich auch durch konstanten Mißerfolg nicht vom Schreiben abhalten. Es bleiben immer noch ein paar Bekannte übrig, denen er seine Ergüsse vorlesen kann und die ergriffen sind oder Ergriffenheit heucheln wie in Molières „Misanthrope“; es bleibt im schlimmsten Fall die eigene Ehefrau, die an ihren Mann glaubt. Vielleicht stellt sich gelegentlich auch ein Minimalerfolg ein: Die Tageszeitung druckt ein paar Verse, ein kleines Feuilleton – das wird dann als der Beginn zum Durchbruch erlebt und gibt den Auftrieb für Monate emsigen Schaffens.

Spott über diese Heerscharen verkannter Dichter, die überall im Lande ihre Verse schreiben, ist nicht am Platz. Viel Müll wird da von Seelen geschrieben, die sonst vielleicht darunter erstickten. Spott nicht – eher Mitleid, weil die Möchtegern-Dichter, ähnlich den Hobbymalern, selten anders können, als sich sehr ernst zu nehmen. Begründeter Glaube an die eigenen Fähigkeiten und blinde Selbstüberschätzung wohnen nämlich eng beieinander. Und eng beieinander wohnen in der Literatur auch Dilettantismus und Genialität.

Es konnte nur eine Frage der Zeit sein, bis findige Geschäftsleute in dieser Legion frustrierter Schreiber einen Markt witterten. Das gedruckte Werk in der Hand zu halten, seinen Namen auf einem Umschlag prangen zu sehen – für Tausende muß es offenbar das höchste aller Gefühle sein. Warum sollte man ihnen dieses Gefühl nicht verschaffen? Warum sie nicht dafür bezahlen lassen? Heimlich, diskret, versteht sich. Es braucht’s ja außer den Beteiligten niemand zu wissen. Man sieht es dem fertigen Buch nicht an, ob der Autor zunächst kräftig bezahlt hat.

Der neurotische Jenseitsapostel und die Millionärsgattin, die einmal ein feineres Statussymbol haben möchte als die Ferienvilla oder den Nerz, nämlich etwas, das mit Geist zu tun hat, noch dazu mit dem eignen – sie lassen ihre Werke drucken. Der arme Schulmeister, der sich für ein kommendes Genie hält, der verkrachte Journalist mit nicht aufgegebenen höheren Hoffnungen, der Schauspieler, der ohnehin schon zu wenig verdient und es sich eigentlich nicht leisten kann – sie alle lassen drucken. Bei wem?

Aus der zunehmenden Zahl von Verlagen, die sich dem Geschäft mit den Frustrationen verschrieben haben, hier vier symptomatische Beispiele: Bläschke, Ellenberg, Hirthammer, Orissa.

Der sicherste Weg – wohin?

Der Verleger Josef Gotthard Bläschke in Darmstadt ist ein ehrenwerter Mann. Namen wie Eich und Krolow stehen in seinem Katalog, und wenn auch viele ganz unbekannte Namen drin stehen, wenn man bei ihm auch den Gedichtband einer Dame im Pelzmantel kaufen kann,

die ein Schoßhündchen auf dem Arm hat und deren Verse danach sind – Bläschke beutet seine Autoren nicht schamlos aus. 1973 bot ich ihm einen Lyrikband an. Mir wurde ein Vertrag vorgeschlagen, der mich zu einer anteiligen Übernahme der Herstellungskosten verpflichtet hätte. Für ein Bändchen von 40 bis 50 Seiten, Verkaufspreis 5,80 Mark, Auflage 1000 Stück, forderte Bläschke 1973 einen Druckkostenzuschuß von 1000 Mark, die Hälfte der Druckkosten. Von jedem verkauften Exemplar erhält der Autor außer dem normalen Honorar von 10 Prozent eine Rückvergütung von einer Mark. Mit anderen Worten: wird die Auflage verkauft, so zahlt der Verlag den gesamten Zuschuß des Autors zurück und honoriert ihn überdies nach üblichen Maßstäben ordentlich.

Nur – wann werden vom Gedichtband eines unbekannten Autors schon 1000 Exemplare verkauft? Ich möchte vielleicht weniger drucken lassen, 500, oder wenigstens wissen, ob überhaupt eine geringe Chance besteht, daß 1000 abgesetzt werden. War das je der Fall? Wie häufig? Was tut der Verleger für die Werbung? Die Antworten auf solche Fragen sind ausweichend, und ob Bläschke überhaupt ein Risiko eingeht oder dies ganz mir aufbürdet, das weiß nur er allein.

Weitaus unverschämter gehen andere Verlage zu Werk. Sie warten zunächst einmal gar nicht, bis sich jemand an sie wendet, sondern sie holen sich ihre Melkkühe selbst heran. Zum Beispiel durch Anzeigen. Die des Ellenberg Verlags liest sich so: „An alle Autoren die ihren Verleger suchen. Wir zeigen Ihnen den sichersten Weg Ihre Manuskripte (Roman, Memoiren, Lyrik, Politik, Wirtschaft, Theologie und alle wissenschaftlichen Gebiete) zu veröffentlichen!

Schreiben Sie uns sofort (bitte Rückporto beilegen), und wir informieren Sie über die Möglichkeiten einer baldigen Veröffentlichung.“

Der interessierte Autor erhält einen Prospekt über erschienene Bücher und mit Hinweisen für Schriftsteller, in denen ihm „der sicherste Weg“ näher erläutert wird. Hart und klar, ohne viel Brimborium, was die Geschäftsbedingungen betrifft, aber freilich nicht ohne schöne Versprechungen, die sich in den wenigsten Fällen je erfüllen werden: „Auf diese Weise hilft Ihnen unser Verlag, Ihr Talent und Ihr Wissen auch einer breiten Öffentlichkeit bekanntzumachen.“

Breite Öffentlichkeit – das ist nun ganz einfach eine plumpe Lüge. Keiner der bei Ellenberg verlegten Autoren ist je einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden. Der Verleger tut auch nicht viel dafür Er hält es noch nicht einmal für nötig, seine Verlagsankündigungen in einwand- – freies Deutsch zu setzen: „Dieses Buch wird

Ihnen, liebe Leser, manche Aufschlüsse geben können und Sie mit Tatsachen bekanntzumachen, die Ihnen bis dahin nicht bekannt waren.“ Und daß ein Sonettenkranz bei Ellenberg zwei n hat, wird danach niemand mehr wundern. Der gleiche Lyrikband, für den Bläschke 1000 Mark Autorenbeteiligung fordert, ist bei Ellenberg nur für einen Ladenpreis von 10 Mark zu haben, und selbst wenn ich berücksichtige, daß auch Bläschke heute vielleicht etwas mehr von mir verlangen würde, überrascht doch die Höhe des Druckkostenzuschusses: Für 600 bis 1000 Exemplare will Ellenberg von mir vorweg 6500 Mark haben. Dafür verspricht er mir auch großzügig: Zwei Drittel der Auflage gehören Ihnen. Wie nett! Der Verlag braucht sich um deren Vertrieb kaum mehr zu kümmern. Es bleiben dem Verlag bei 1000 Exemplaren und nach Abzug von 650 für Autor und 200 für Rezensionen (wer kontrolliert, ob und an wen 200 Rezensionsexemplare tatsächlich verschickt werden?) nur noch 150 – und von denen heißt es im Prospekt klipp und klar: „Selbstverständlich können wir Ihnen den Verkauf der Exemplare in den Buchhandlungen nicht garantieren.“ Die breite Öffentlichkeit bleibt verschont. Sie bleibt es um so mehr, als Verleger Eduard Ellenberg nicht auf Kommissionsbasis, sondern nur bei festen Bestellungen liefert.

Inserate sind teuer, wenn man auch annehmen darf, daß sie sich bezahlt machen. Eine andere Methode, an frustrierte Autoren heranzukommen, hat sich Franz Hirthammer in München ausgedacht. Eines Tages erhielt ich von dem mir völlig unbekannten Verleger einen Brief folgenden Inhalts:

„Ihr Werk habe ich eingehend studiert und meine, es sollte verlegt werden. Leider ist heute das finanzielle Risiko für Verleger sehr groß, deshalb haben auch Autoren starke Schwierigkeiten unterzukommen. Ich habe eine Basis – das kooperative System – geschaffen, die es Ihnen vielleicht ermöglicht, daß Ihr Werk erscheint. Ich sende eine kleine Broschüre mit der Bitte, sie zu studieren. Wenn Sie Interesse daran haben, bitte ich um Mitteilung. Ich mache dann ein Angebot.“

Was Millionen erträumen

Mein Werk? Was für ein Werk? Ich wollte von Hirthammer wissen, um welches Werk es sich denn handelt und wie er zu einem Manuskript von mir gelangt ist oder überhaupt zu meiner Anschrift. Darauf schwieg Hirthammer. Denn er wünscht sich als Kunden keinen lästigen Frager, sondern einen Menschen, der naiv und eitel genug ist, die plumpe Schmeichelei zu glauben: Ihr Werk – Ihr Werk ganz allgemein, das bedeutende Werk, das Sie geschaffen haben.

Probeweise entsprach ich feinen Erwartungen. Hirthammer antwortete schnell und freundlich. Er legte eine Broschüre bei: Der Autor auf der Suche nach einem Verleger. Wer auf dieses sechzehnseitige Opus hereinfällt, der hat es verdient. Nachdem, ich zunächst einmal gebauchtätschelt werde: „Sie haben vollbracht, was Millionen erträumen, aber nur wenige erreichen: Sie haben ein Buch geschrieben“, macht mir Hirthammer geschickt klar, welche Möglichkeiten ich habe, es loszuwerden: keine. „Sie können Ihr Buch reihum senden in der Hoffnung, eine der wenigen glücklichen Ausnahmen zu sein. Von einem Verlag nach dem andern wird es zurückkommen: Es tut uns leid, Ihnen mitteilen zu müssen, daß ... Sie können Ihr Manuskript in die Schublade legen und verzweifelt aufgeben.“

Aber nein, so braucht es ja nicht weiterzugehen. Denn: „Sie können Ihr Werk dem F. Hirthammer Verlag übersenden, wo es herzlich willkommen ist und unverzüglich, mit größter Sorgfalt, Aufgeschlossenheit und Wohlwollen gelesen wird.“ Man sieht diesem grammatisch falschen Satz die Sorgfalt an. Hirthammer lockt dann mit sieben Berühmten, die ihre ersten Werke auf eigene Kosten herausbrachten: Shaw, Hemingway, Byron, Sinclair, Joyce, Dreiser, Defoe. Ebenso berühmt zu werden, muß mit der Hirthammer-Methode kinderleicht sein. Hirthammer

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hat Verständnis für alle meine Nöte. Er weiß, wo mich der Schuh drückt. Bei Hirthammer zu publizieren empfiehlt sich, „wenn Ihr bisheriger Verleger Ihr Manuskript kürzen oder umschreiben möchte, Sie als Kenner der Materie aber ernste Bedenken haben. Geben Sie uns Ihr Manuskript! Es ist Ihr Werk, wenn es erscheint.“

Eine Seite später wird mir, der ich auch „das Mehrfache des bisherigen Autorenhonorars“ erhoffen darf, versichert: „Ihr Manuskript wird, bevor es in den Satz geht, auf Unebenheiten, Rechtschreibung, Zeichensetzung, Grammatik, genaue Daten durchgesehen, korrigiert und ergänzt, um sicher zu gehen, daß es professionellem Standard entspricht.“ Hirthammers professioneller Standard dokumentiert sich aufs schönste in seinen Prospekten. Das Werk „Moses der Befreier“ eines Autors, der dicht nebeneinander einmal Heinz Weissenberg, dann wieder Weissenburg heißt, wird so angekündigt: „Gekuppelt mit seinem Bibelwissen und seinen ägyptologischen Kenntnissen versteht Heinz Weissenberg in den Geist der Zeit und der Einzelpersonen einzudringen.“ Auch der Autor selber kommt zu Wort: „Ob man einen Roman oder Historie schreibt, so kommt es nicht allein darauf an, daß sich die Personen bewegen, handeln, sondern warum sie so handeln.“

Wer kennt sein Herz?

Auf der vorletzten Seite der Broschüre versichert Hirthammer: „Die Leistung, die wir Ihnen bieten, ist weit größer, als der Preis, den Sie dafür bezahlen.“ Der Preis – für unseren schon rundum erprobten Lyrikband will Hirthammer einen Druckkostenzuschuß von 4500 bis 6000 Mark, je nach Aufmachung. „Darin wären allerdings auch der Versand von 100 Exemplaren zu Besprechungen und die Aufnahme in 5000 Verlagsprospekte enthalten.“

6000 Mark, um in ähnlich schönem Deutsch neben Moses, dem Befreier, zu stehen oder neben Titeln wie „Ami, warst du ’45 in Deutschland?“, „Große Zeiten dankend verbeten“, „Menschlicher Vogelflug“ – die Zukurzgekommenen und politischen Besserwisser machen auch bei Ellenberg einen Großteil der Titel aus: „Entblößte Justiz“, „Geheimunternehmen der deutschen Abwehr“, „Opfergang einer Jugend – die Tragik des weißen Rußland“, „Gefangen in der Sowjetunion“. Ellenberg hat auch die Wichtigkeit bekannter Namen erkannt, und da er schon selber keinen in seinem Programm aufzuweisen hat, schmückt wenigstens eins seiner Bücher ein Geleitwort von Kardinal Mindszenty, und ein Autor eines „spannenden Jugendkrimis“ ist der Sohn des berühmten Dirigenten Clemens Krauss. Bei Ellenberg kann ich auch, wenn ich kein Geld für ein ganzes eigenes Buch habe, in Lyrikanthologien aufgenommen werden, das kostet weniger. Die Sammelbände tragen Phantasienamen: „Wer kennt sein Herz?“, „Rosen für Eva-Maria“, wo es doch ehrlicher hieße: Wer kennt den Käufer?

Immerhin, die genannten Verlage wahren den Schein. Sie stehen im Verzeichnis des Börsenvereins und lassen ab und zu ein Buch in das Verzeichnis der lieferbaren Titel aufnehmen, Bläschke sogar alle. Was sie wirklich für die Verbreitung ihrer Bücher tun – wer hat schon je, außer auf Verlangen, einen Prospekt von Hirthammer oder Ellenberg zu Gesicht bekommen? Daß Zeitungen solche Bücher kaum je besprechen, liegt auf der Hand. Aber warum sollte auch ein Verleger noch viel für Werbung ausgeben, wenn doch der Autor selber fast der einzige Kunde ist?

Von Orissa hingegen erfahre ich nur, wenn ich auf die schon sehr oft erschienene Kleinanzeige antworte: „Gedichte gesucht! 15 000 Mark in bar für das beste Gedicht. Beurteilung, gratis. Bei Veröffentlichung 80 Mark Druckunkosten. Sie erhalten kostenlos einen festgebundenen Poesieband von ca. 350 Seiten.“

Tue ich es, schicke ich ein paar Gedichte hin, so bekomme ich postwendend einen dicken Umschlag. Dieser enthält, auf blütenweißem zweifarbigen Vordruck, eine numerierte großspurige „Autorisierung zur Veröffentlichung“ sowie zwei Prospekte über das „Gedicht des Jahres“ und den Verlag und seine Publikationen, dazu die versprochene Beurteilung der eingesandten Gedichte.

Wer sich den Spaß macht und beispielsweise drei beliebige, selbstverfaßte Gelegenheitsgedichte einsendet, dem wird rasch klar, wie gewaltig er sein Talent bislang unterschätzt hat: „Ihre magnetischen Werke sind besonders bestechend durch die wirkungsvolle Wortwahl. Ein sehr eindrucksvolles Angebot moderner Poesie.“ Dieses günstige Urteil könnte an Bedeutung höchstens dann verlieren, wenn ich erfahre, daß jeder, der an Orissa etwas einsendet, ähnlich Schönes über sich zu hören bekommt. Ein Redakteur der „Welt“ wärmte kürzlich den Spaß noch einmal auf, den vor Jahren die „Pardon“-Leute mit einem Text von Musil getrieben hatten. Er reichte bei Orissa vier Gedichte von Thomas Mann, T. S. Eliot, Erich Fried und Ezra Pound ein. Nur die „Meditatio“ von Pound kam kommentarlos zurück: „Betrachte ich die Umgangsformen des Hundes, / Komm ich zwangsläufig zu dem Schluß, / Daß der Mensch das höh’re Tier ist. / Betrachte ich die Umgangsformen des Menschen, / Gesteh ich, Freund, ich werde ganz konfus.“

Konfus müssen angesichts solcher Poesie auch die Orissa-Leute gewesen sein. Die drei anderen Gedichte jedoch erhielten folgende Beurteilungen: „Ein sehr eindrucksvolles Angebot moderner Poesie“ (Mann), „Besonders bestechend durch die wirkungsvolle Wortwahl“ (Eliot), „Ein magnetisches Werk“ (Fried). Man sieht, es genügt, drei Gedichte hinzuschicken, und schon ist man so gut wie Mann, Eliot und Fried zusammen. Möglich auch, daß Pounds Gedicht zurückgesandt wurde, weil die Orissa-Leute über keine vierte Standardformel verfügen. Reich ist ihr Wortschatz nämlich nur, wenn es gilt, Orissas Vorzüge anzupreisen. Gedruckt wird man ja in jedem Fall (wenn man nicht gerade so wie Pound schreibt), und wenn dann auch nicht weit her ist, was da auf dem Papier steht, so steht es doch auf gutem: „Das Papier der Seiten zeigt eine feine, matte und undurchsichtige Qualität.“ Das ist schön vom Papier, daß es seine Qualität so bereitwillig zeigt. Im übrigen scheint die undurchsichtige Qualität Orissas Stärke zu sein. Orissa verzichtet völlig darauf, irgend etwas für die Verbreitung ihrer Gedichtbände zu tun.

Frau Klotz aus Wals quälen Gedanken

Orissa stellt Sammelbände mit Poesie zusammen, vorläufig einen pro Jahr, wahrscheinlich bald mehr, das Exemplar für 20 Mark. Wer erfährt davon, wer kauft die Bücher? Ausschließlich die darin abgedruckten Autoren. Für die Veröffentlichung eines Gedichts zahlt man 80 Mark. Bei der angegebenen Seitenzahl von 350 macht das etwa 500 Gedichte. Statt dem Autor Honorar zu zahlen, verdient Orissa allein am „Autorenhonorar“ im umgekehrten Sinne 40 000 Mark. Jeder Autor erhält ein Freiexemplar; weitere Exemplare kann er zum „Vorzugspreis“ von 20 Mark erstehen. Einen normalen Ladenpreis gibt es nicht, da das Buch nicht öffentlich verkauft wird. Das Wort Vorzugspreis ist eine Irreführung.

Wer die Eitelkeit der Hobbydichter kennt, kann sich überlegen, daß jeder von ihnen im Durchschnitt mindestens noch zehn Exemplare kauft, um sie an Verwandte und Bekannte verschenken zu können – weitere 100 000 Mark Das machte dann für 5500 Exemplare 140 000 Mark. Außer den Kosten für Herstellung, Kleinanzeigen und Versand entstehen Orissa nur die (vermutlich bescheidenen) Personalkosten. Da könnte man sogar 15 000 Mark pro Jahr für einen „Preis“ aussetzen, wie es die Gesellschaft glaubt man ihr, tut. Ob tatsächlich jedes Jahr jemand, der zu Orissa sonst in keinerlei Beziehung steht, soviel Geld erhält (es wäre einer der höchstdotierten deutschen Literaturpreise) – bei einem Verlag, der so eindeutig aufs Geschäft auf ist, darf man es wohl leise bezweifeln. Zum Verdacht verdichteten sich mir solche Zweifel, als die angebliche Preisträgerin für 1974, eine Frau Agnes Klotz aus Wals in Österreich, auf meine bloße Bitte um eine Abschrift ihres prämiierten Gedichts mit einem sehr merkwürdigen hektographierten Brief antwortet, in welchem in unverkennbarem Orissa-Stil eine Menge Fragen beantwortet werden, die ich gar nicht gestellt habe, auf die sich die vorsichtigen Orissa-Leute aber offenbar eingestellt haben.

Das liest sich beispielsweise so: „In den Salzburger Nachrichten fand ich ein Inserat, Gedichte gesucht’. Von den drei Gedichten, die ich einsandte, wurden zwei ausgewählt, für deren Druck ich 1200 öS bezahlte. Sie wurden in dem Buch internationale Sammlung zeitgenössischer Poesie“ veröffentlicht. Ein Belegexemplar wurde mir zugeschickt. Anfangs 1975 erfuhr ich, daß ich als Preisträgerin ausgewählt worden war.“

Wer bisher noch nicht stutzte, tut es spätestens, wenn er weiter erfährt: „Über Orissa weiß ich nur, daß er ein privater Verlag ist. Ich hatte und habe keine nähere Beziehung und Information.“

Da wird also flugs und unaufgefordert bestritten, was sich so mancher wohl denkt. Von einer Auswahl der Preisträger unter notarieller Aufsicht ist nicht die Rede. Aber Gedichte werden natürlich auch nicht ausgelöst wie in der Lotterie, nein, eine Jury sucht das beste heraus. Wer das ist, wie sie sich zusammensetzt – darüber schwiegen die Herren von Orissa sich trotz zweimaliger Anfrage gründlich aus. Statt dessen antworteten sie mir erneut mit unerbetenen Auskünften anderer Art und Bestellscheinen für ihre Werke.

Wie sieht nun das großartige 15 000-Mark-Gedicht aus? Frau Klotz hat einen fast unleserlichen Abzug beigelegt. „Möchte nicht klagen, aber/sagen muß ich meine Gedanken, wenn sie mich quälen.“ Sie müssen sie gewaltig gequält haben, das Gedicht ist 57 Verszeilen lang.

Die Masche mit den Einzelgedichten und der völlige Verzicht auf das mühselige, ehrliche Verlagsgeschäft scheint der Trumpf zu sein. Autoren, die ein ganzes Buch selber finanzieren, findet man wohl, immer nur in begrenzter Anzahl, aber 80, Mark für ein Gedicht legen offenbar viele hin. Das hat wohl auch der Ellenberg-Verlag begriffen, der neuerdings neben seinen Anthologien auch noch eine Zeitschrift herausgibt. Vielleicht bleibt das auf die Dauer der einzige Weg, Möchtegerndichter auszubeuten, denn es könnte sich ja herumsprechen, daß man nicht 6000 Mark auszugeben braucht, um ein eigenes Buch in Händen zu haben. Der Drucker um die Ecke, der um seine Existenz kämpft, macht es billiger.