Von Bernd C. Hesslein

Haben die Kritiker der Bundeswehr sich geirrt? Waren die Kassandrarufe, die Gründung, Aufbau und Entwicklung der Streitkräfte begleiteten, nicht nur vergeblich, sondern auch unnötig? Fast scheint es so, wenn man den Beliebtheitsboom beobachtet, der die Bundeswehr ins 21. Jahr ihrer Existenz geleitet.

Lange hat die Bundeswehr darauf warten müssen. Der Makel, nur „bedingt einsatzfähig“ zu sein, vor mehr als einem Jahrzehnt publik geworden, war dauerhaft wie ein schlechter Ruf. Aber auch die Schwierigkeiten, in einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft zu einem Selbstverständnis zu finden, die internen Kämpfe zwischen Reformern und Traditionalisten und schließlich die selbstproduzierten Skandale um die Generäle Trettner, Grashey und Schnez ließen das Bild der Bürger in Uniform in der Öffentlichkeit schwanken.

Waren das alles nur Wachstumsschwierigkeiten und Jugendsünden? Oder nur Folgen eines überhasteten Aufbaus mit keineswegs immer den richtigen Leuten? Eher diesen Eindruck vermittelt das als Lesebuch offerierte und vom Deutschen Bundeswehrverband geförderte Werk von

Werner Lahne: „Unteroffiziere – gestern – heute – morgen“; 2. erweiterte Auflage, Verlag Offene Worte, Bonn und Herford 1974; 596 S., 54,– DM.

Den Tenor dieser in weiten Teilen historisierenden Erzählungen vom oft mißbrauchten, aber tüchtigen Korporal gibt der ehemalige Unteroffizier Georg Leber an. Der Bundesverteidigungsminister, der ungern eine Gelegenheit zum Mißverständnis ausläßt, schreibt zum Geleit: „Das Bild des Unteroffiziers ist im Laufe der Zeiten nicht frei von Verzerrungen geblieben.“ Woran das liegt, erklärt Werner Lahne: an den Reservisten und den Intellektuellen. Die einen, die in den Aufbauzeiten der Wehrmacht und später in Krieg mit den schnell erworbenen Tressen einen Machtkoller bekamen, haben das Bild des Berufsunteroffiziers getrübt. Die anderen, „Literaten und Publizisten, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Unteroffizier erneut (wohl nach Remarques Himmelstoß) als Inkarnation des bösen Schleifers und Rekrutenschinders hinstellen wollten“, so Lahne, haben diese bedauerlichen Entgleisungen zum Phänotyp verdichtet.