Das Böse gegen das Böse – Seite 1

Von René Drommert

Ein "Mensch in seinem Widerspruch" sei Ivar Lissner, der Journalist und Schriftsteller (1909 bis 1967), gewesen, heißt es. Ein Widerspruch wozu? Zu seiner eigenen Bestimmung (und was hieße das schon?), zu dem "Gesetz, nach dem er angetreten"? Ein Widerspruch, den man, dem Anschein zum Trotz, als geistige Anomalie, als Gehirndefekt deuten muß? Oder liegt der Widerspruch vielleicht gar nicht in Lissner, sondern in uns, den Beurteilenden? Vielleicht ist es unsere Unfähigkeit, daß wir uns keinen "Reim machen", das scheinbar Widersprüchliche der Persönlichkeit nicht auflösen und in eine harmonische Ordnung und Vernünftigkeit einfügen können? In seinem Buch –

Ivar Lissner: "Mein gefährlicher Weg – Vergessen, aber nicht vergeben", Bearbeitung und Nachwort von Heinz Höhne; Verlag Droemer Knaur, München/Zürich, 1975; 272 S., 6,80 DM

nennt Höhne ihn einen Menschen in seinem Widerspruch. Lissner, Baltendeutscher, 1909 in Riga geboren, war Halbjude. Schon von daher ergaben sich eklatante Widersprüche wenigstens in seinem Lebensstil. Im Dritten Reich war er Mitglied der NSDAP (seit 1. April 1933), SS-Führer, Mitarbeiter des von Goebbels herausgegebenen Angriff und des von Rosenberg geleiteten Völkischen Beobachters, Abwehr-Mitarbeiter des Admirals Canaris und, von eigenen Gnaden, sogenannter Gestapo-Chef in Ostasien ... Er war, wie Höhne resümiert, "fähigster Spion des deutschen Geheimdienstes im Fernen Osten". Aber für wen hat er, der nachweislich für mehr als nur einen einzigen Staat agierte, denn eigentlich spioniert, für das Nazi-Regime oder für die Opposition im Untergrund, für das Deutsche Reich oder für den Kreml, für oder gegen Japan?

Für viele Verdächtigungen hat er durch seine effektvollen oder splendiden Auftritte Material geliefert. Aber mancher Argwohn mußte eingeschränkt und schließlich aufgegeben werden. Nicht jeder. Ein Rest Unbehagen bleibt, trotz der verführerisch-gescheiten Argumentation des Apologeten Höhne. Höhne, der dem Buch (zum erstenmal erschien es unter dem Titel "Vergessen, aber nicht vergeben", 1970) jetzt fünfzig Seiten Nachwort nachgeschickt hat, bietet eine entscheidende Ergänzung. Ohne sie wäre das Buch Lissners allzu fragmentarisch und oft mißverständlich geblieben. Nicht nur deshalb, weil es, unvollendet, bei der Schilderung des Jahres 1940 abbricht, nichts über die gravierenden Ereignisse bis zu Lissners Folterungen in Tokio berichtet. Höhne schreibt in einem kühleren, realistischeren Stil. Lissner hat, scheint mir, sein Buch, eine Autobiographie, nicht allein aus technischen und psychischen Gründen nicht zu Ende geschrieben, nicht nur deshalb, weil ihn beim Schreiben die Erinnerungen übermannten und lähmten. Zuweilen scheint, im Gegenteil, seine erzählerische, zum romanhaften tendierende Beredsamkeit mit ihm durchzugehen, zum Beispiel, wenn er über Begegnungen mit Frauen schreibt. Im Sachlichen gibt es nicht geringe Irrtümer. Der Autor tritt die Flucht von der Erinnerung zum Idyllischen an.

Warum verharmlost Lissner, ein Mann ungewöhnlicher Intelligenz und großer technischer Geschicklichkeit, einst ein Agent, der durch seine Mittelsmänner selbst den "Führer" zum Dekret bewegen oder erpressen konnte, der Schriftsteller Dr. Ivar Lissner sei deutschblütigen Personen gleichzustellen? Das Rätsel Lissner wird vielleicht, falls nicht eines Tages überraschend neues, wichtiges Material auftaucht, nie ganz gelöst werden. Rätselhaft mag auch sein Verhalten gegenüber seiner Frau, der Schauspielerin Ruth Niehaus, und seiner Tochter Imogen erscheinen, denen er von seiner Vergangenheit als Agent nie ein Sterbenswörtchen verriet, selbst auf dem Sterbebett nicht... Beim Schreiben verharmloste er vielleicht, weil er beim Leser von vornherein und radikal den Irrtum ausschalten wollte, als habe die Wirklichkeit vielleicht doch dem bösen Schein entsprochen, den seine Karriere hinterlassen mußte.

Der Hauptzweck seiner halsbrecherischen Manipulationen vor dem Kriege und während des Krieges – oft in grandseigneuralem Stil – war die Rettung seiner Familie. Sein Vater, Jude, war ins KZ gebracht worden; der Sohn bekam ihn schließlich frei und erreichte sogar, daß beide Eltern emigrieren durften.

Das Böse gegen das Böse – Seite 2

Natürlich wollte Ivar Lissner, wie man liest, kein Paria, kein Outcast sein. Als er sich als "Nicht-Arier" im Dritten Reich seiner fatalen Situation bewußt wurde, mag er sich, ehrgeizig, geltungsbedürftig, eitel, wer weiß, im stillen voller Ingrimm gesagt haben: Denen will ich es aber zeigen! Und ganz gewiß war Lissner, neben allem anderen, auch eine Spielernatur. Er ist in diesem Punkt mit Gustaf Gründgens vergleichbar, der in seiner Berliner Intendantenzeit, als Gast im Hause Görings und Emmy Sonnemanns, weder ein liebedienerischer Nazitrabant noch ein Held und wilder Widerstandskämpfer war.

Lissner – ein "Mensch in seinem Widerspruch"? Das scheinbar Widersprüchliche schwindet allmählich, wenn man sieht, wie er sich selber, irrend oder nicht, begreifen mußte als Marionette der Gewalt, als ein Mensch, der sich nur noch zu behaupten wußte, indem er dem perfiden Spiel der Zeit trotzig und listig sein eigenes böses Spiel entgegensetzte.