Vor vierzig Jahren, am 17. November, starb in Berlin Joachim Ringelnatz. Der Schöpfer des Seemanns Kuttel Daddeldu und der "Turngedichte" war verfemt: Die Nazis hatten schon im April 1933 ein Auftrittsverbot verhängt; der Schriftsteller galt als "unerwünscht". Erst 1964 konnte eine erste Biographie erscheinen, von Herbert Günther, den Ringelnatz "meinen treuen Eckermann" nannte. "Ringelnatz", so schrieb Erich Kästner 1924, "steht in der neuesten Litaturgeschichte noch immer nicht auf dem Platze, der ihm gebührt." Daran hat sich auch in den fünfzig Jahren seither nichts geändert. Auch eine neue, voluminöse Biographie –

Walter Pape: "Joachim Ringelnatz – Parodie und Selbstparodie in Leben und Werk"; Verlag Walter de Gruyter, Berlin, 1974; 458 S., 86,– DM

wird daran nichts ändern, zumal ihre ganze Anlage – vom Preis zu schweigen – nicht eben dazu angetan ist, Leselust auf Ringelnatz zu wecken. Das Monumentalwerk ist die Dissertation eines Germanisten – und gleichzeitig die Parodie auf diese Gattung germanistischer Fleißarbeiten.

Zweifellos hat Pape seinen Autor gründlich studiert. Er kennt unpubliziertes Material in Fülle; seine Detailkenntnis und -versessenheit schlägt jeden Ringelnatz-Verehrer aus dem Felde. Im übrigen aber ist dieses Buch Zeugnis eines Positivismus, von dem man geglaubt hätte, er sei an unseren Universitäten endlich überwunden – schlimmer: Zeugnis einer Humorlosigkeit, die Ringelnatz entsetzt hätte. Papes Bemerkung zu zwei Ringelnatz-Versen, daß sie "eigentlich dem letzten Germanisten beweisen müßten, daß Ringelnatz wirklich nicht dumm ist", macht seine Position unfreiwillig deutlich. Fußnoten sind gewiß sehr wissenschaftlich, aber was soll der Hinweis, Ringelnatzens "Vermenschlichung der Tiere" habe seine Tradition in einem Werk von 1740, das er "kaum gekannt" habe? Solcher Bierernst begreift auch nicht Tucholskys Ironie: "Ein Fressen für ,Einflüsse‘ suchende Doktoranden" (Tucholsky über Erzählungen von Ringelnatz), so wenn von der "Zotenhaftigkeit" einiger Turngedichte gesprochen wird: "Man braucht kein Psychologe zu sein, um zu erkennen, daß er auch auf diesem Gebiet sein maßloses Minderwertigkeitsgefühl zu kompensieren versucht."

"Die Neurosen eines Dichters" hätte der Untertitel lauten können, weil ein ganzes Werk aus einem Neurosenbündel hergeleitet wird. Ringelnatz wird beharrlich als "der Häßliche als "Kobold mit Habichtsnase", als "dichtender Zwerg", als "mißgestaltet" vorgeführt.

Verquerer als dieses Vulgärpsychogramm ist der theoretische Ansatz, man habe es in der zweiten Hälfte des Ringelnatzschen Lebens und Schaffens mit einer "Selbstparodie" zu tun, womit die erste Hälfte relativiert werde. Wer diesen Dichter nur unter der Prämisse "Parodie und Selbstparodie" begreift, versteht ein Menschenleben und vor allem ein poetisches Werk nur als kunstvolle, geplante Konstruktion. Damit aber ist vom schöpferischen Prozeß eines Schriftstellers, gar eine Lyrikers nichts begriffen.

Vierzig Jahre nach dem Tod von Ringelnatz sind wir von einer längst fälligen Gesamtausgabe, die das klischeehafte Bild vom ewig betrunkenen Hanswurst endlich korrigieren könnte, noch immer meilenweit entfernt. Joachim Ringelnatz ist ein bedeutender deutscher Schriftsteller, kein Possenreißer. Aber von seinen Gedichten gibt es nur eine kümmerliche Auswahl, seine bedeutende Prosa (von den beiden Erinnerungsbüchern abgesehen) ist nie wieder aufgelegt worden! Der "Fall Ringelnatz" ist ein literarischer Skandal, wenn man weiß, wie dieser Autor in den letzten vierzig Jahren editorisch behandelt worden ist. Bei Pape liest man davon nichts. Dabei wäre allein das schon ein Thema für eine Dissertation: die postume Zerstörung und Verhunzung eines Schriftstellers.

Um aber etwas Positives über dieses Buch zu sagen: Die Seiten 313 bis 438 sind hinreißend: Sie enthalten die detaillierteste Ringelnatz-Bibliographie, die es je gab. Eckart Kleßmann