Der Streit über Walter Benjamin, die Auseinandersetzung darüber, ob der Marxist, der er zu sein versuchte, oder der Metaphysiker, der er immer blieb, der „eigentliche“ Benjamin gewesen sei, ist verebbt, ohne daß er geschlichtet worden wäre. Und im Rückblick zeigt sich, daß die politisch Engagierten unter Benjamins Anhängern das philosophische Werk, das sie für sich reklamierten, lediglich als Arsenal benutzten, das sie auf der Suche nach Waffen aktuellen politischen Ideenkampf ausplündern konnten.

Wer einen peripheren Text wie „Der Autor als Produzent“ für zentral hält, verrät unwillkürlich, daß er sich gar nicht um ein Verständiis Benjamins von innen heraus bemüht, sondern nach Zitaten stöbert, die geeignet erscheinen, dürftige Ansätze zu einer materialistischen Ästhetik mit einem großen Namen auszustatten. Andererseits ist es immer offenkundiger geworden, daß sich einige der Anhänger auf Benjamin beriefen, um im Schutze seiner Autorität wirksamer gegen Adorno polemisieren zu können. Benamins vertrackter Anarchismus, den man allzu umstandslos für den Kommunismus beschlagnahmte, mußte dazu herhalten, der Feindseligkeit gegen Adorno, von dem man sich enttäuscht fühlte, Argumente zu liefern. (Man verzieh es Adorno nicht, daß er dort, wo anderen alle Wege offen schienen, nichts als Mauern sah.) Es scheint, als müsse man von vorn anfangen: bei Benjamin, wie er war, und nicht, wie man ihn braucht. Die Erinnerungen von –

Gershom Scholem: „Walter Benjamin – Die Geschichte einer Freundschaft“; BS 467, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1975; 299 S., 14,80 DM

sind das Buch eines Freundes, der sogar beim Schreiben von Memoiren niemals verleugnet, daß er Historiker und Philologe ist. Mit einer Nüchternheit, die sich nicht die geringste Sentimentalität oder Eitelkeit gestattet, rekonstruiert Scholem, gestützt auf Briefe und Tagebuchnotizen, die Stationen einer Freundschaft, zu deren Festigkeit es offenbar beitrug, daß sie weniger emotional als philosophisch-moralisch fundiert war.

Die Darstellung, scheinbar trocken im Ton, ist dennoch ungemein fesselnd, weil hinter der äußeren Biographie unversehens die innere, philosophische erkennbar wird, obwohl sie nicht explizit zum Thema gemacht wird, und weil es Scholem gelingt, unscheinbare Fakten, die uns oberflächlich gesehen nichts mehr angehen, zum Sprechen zu bringen, ohne daß er interpretierend eingreifen müßte. Aus Berichten über Alltägliches und Privates, aus der Erwähnung von Selbstverständlichkeiten, über die man plötzlich stutzt, entsteht ein Bild vom Scheitern der jüdischen Emanzipation, das bedrückend wirkt.

Scholem macht deutlich, in welchem Maße Benjamins Leben die Außenseite einer philosophischen Existenz und Entwicklung war, die von ungelösten und unlösbaren Widersprüchen zehrte: von Widersprüchen, die sich gerade dadurch als fruchtbar erwiesen, daß sie sich einer Vermittlung hartnäckig widersetzten. Diskontinuität ist eine der entscheidenden Kategorien des Benjaminschen Denkens.

Wer heute aus Benjamins Werk, einer zerklüfteten, fragmentarischen, von Brüchen und Rissen durchzogenen, vielschichtigen und im Anspruch ungleichmäßigen Hinterlassenschaft, philosophische Konsequenzen zu ziehen versucht, muß sich zuvor um ein Verständnis bemüht haben, das kaum ein anderes als ein historisches sein kann. Die Aktualität Walter Benjamins ist einzig auf dem Umweg über eine selbstlose Versenkung in ein Stück Vergangenheit erreichbar.

Carl Dahlhaus