Von Horst Bieber

Der Jahresbericht 1974 des Deutschen Atomforums "Betriebserfahrungen mit Kernkraftanlagen in der Bundesrepublik Deutschland" bescheinigt dem Kraftwerk Gundremmingen einen "fast störungsfreien gleichmäßigen Vollastbetrieb". In eben dieser Anlage ereignete sich am Buß- und Bettag der erste tödliche Kernkraftwerk-Unfall der Bundesrepublik. Die beiden Meister Otto Huber, drei Jahre in Gundremmingen beschäftigt, und Josef Ziegelmüller, mit zehnjähriger Betriebserfahrung, erlitten durch plötzlich austretenden Dampf tödliche Verbrennungen. Nach dem Stand der Ermittlungen haben die beiden Arbeiter ihren Tod selbst, verschuldet.

Das "Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk" (RWE) erklärte dazu: "Unfälle dieser Art können grundsätzlich in jedem Kraftwerk auftreten. Sie sind nicht typisch für ein Kernkraftwerk." In der Tat scheint der Hergang des Unglücks klar. An jenem Mittwoch wurde der Reaktor planmäßig abgeschaltet, weil Routinereparaturen ausgeführt werden mußten. Die gesamte Anlage blieb wie immer unter Druck und Temperatur (erzeugt von der Restwärme des nicht mehr arbeitenden Reaktors), um später das Hochfahren der Anlage zu erleichtern. Eine Stopfbuchse, die Abdichtung einer Spindeldurchführung durch das Gehäuse einer Absperrarmatur, leckte. Die Arbeiter hatten die Hauptleitung ordnungsmäßig verschlossen. Sie lösten die Halterung des Dichtungsdeckels, ohne zu wissen, daß sich im Gehäuse des Absperrschiebers Wasser angesammelt hatte. Plötzlich flog die schadhafte Dichtung heraus, das Heißwasser – weniger als zehn Liter – entspannte sich zu Dampf, der die beiden Männer verbrühte.

In zwei Punkten war es dennoch kein normaler Unfall. Das ausströmende radioaktiv verseuchte Wasser gehörte einmal zum Primärkreislauf, der durch den Reaktor führt; ein Teil dieses Wassers wird ständig abgezweigt und durch eine Reinigungsanlage geführt. Die Verunglückten arbeiteten an einem Ventil dieses Reinigungskreislaufes. Durch das austretende Wasser erhöhte sich zwar die Radioaktivität geringfügig. Aber eine Gefährdung der Bevölkerung trat nicht ein.

Zum anderen ereignete sich der Unfall an einer kritischen Stelle außerhalb des Reaktors, wo nach allen Fehler-Vorausberechnungen durch eine Kombination von menschlichem Versagen und Materialfehlern die folgenschwersten Unglücke auftreten können. Beides kam in Gundremmingen zusammen – ein offensichtlich nicht dicht schließender Schieber und zwei Arbeiter, die damit nicht gerechnet hatten.

Der Unfall wirft zwei Fragen auf. Nach neun Jahren Betrieb nimmt der Arbeitsaufwand für Wartung und Instandhaltung stark zu. August Weckesser, Direktor in Gundremmingen, klagte Ende Oktober auf einer Fachtagung, daß wegen der dabei auftretenden Strahlenbelastung sein Werkspersonal immer weniger selbst warten könne und sich mehr und mehr auf die Überwachung örtlicher Arbeiten beschränken müsse, die von Werksfremden ausgeführt werden.

Zweifelhaft bleibt auch, ob man erfahrene Mitarbeiter selbst mit simplen Reparaturen beauftragen kann. Eine der ersten Auflagen, die der bayerische Umweltminister Streibl nach dem Unglück verfügte, besagt, daß künftig zwei Fachleute unabhängig voneinander die Erlaubnis für solche Arbeiten geben müssen.