Leute wie die Wiegands gibt’s in ganz Deutschland nicht noch einmal. Sie gehören zum Westen und wohnen in der DDR, und weil sie dreißig Jahre lang mit dumpfer Beharrlichkeit an diesem Zustand festgehalten haben, wird ihr Stück Osten jetzt dem Westen zugeschlagen. Die gemischte Grenzkommission, die derzeit einige Falten im Eisernen Vorhang glättet, hat es beschlossen: In der rauhen Hügellandschaft an der Nahtstelle zwischen Thüringen und Oberfranken, wird es in den nächsten Wochen eine Wiedervereinigung im Kleinstformat geben.

Die das inszeniert haben, sind aber weder Politiker, noch Beamte oder Funktionäre, sondern biedere Rentner, Bürger des für seine Flacons, Schnaps- und Biergläser bekannten 803-Seelen-Dorfes Kleintettau, mal SPD-, mal FDP-Wähler, praktizierende Mitglieder der evangelisch-lutherischen Auferstehungsgemeinde. Nur eines unterscheidet Wilhelm und Gertrud Wiegand von Millionen anderen ihres Schlages: Ihr schieferverkleidetes Zwölf-Zimmer-Haus, Baujahr 1896, liegt hundert Meter östlich von einem Holzschild am Rande der Hauptstraße. Darauf steht: „HALT, ZONENGRENZE“.

An diesem Schild traf sich unlängst Karl Herold, Parlamentarischer Staatssekretär im Innerdeutschen Ministerium, mit dem gesamtdeutschen Ehepaar, dem eine eindeutig auf Bundesgebiet lebende Gartennachbarin in der hier schon üblichen thüringisch- obersächsischen Mundart den hohen Besuch angekündigt hatte: „Machense mal zur Grenze; da gommd eener aus Bonn.“ Das Schild darf, solange die Beschlüsse der gemischten Kommission nicht unterzeichnet sind – und das wird voraussichtlich erst im Januar geschehen –, von keiner westdeutschen Amtsperson passiert werden. Der Postbote kann zu dem grauen Haus am Minenfeld keine Briefe bringen, der Gemeindediener das Wasser nicht ablesen, und würde bei den Wiegands eingebrochen, der Dorfgendarm dürfte am Tatort nicht ermitteln.

Doch auch für andere ist es nicht ganz ungefährlich, den aus einem bewohnten und zwei leeren Häusern bestehenden, hundert Meter breiten und einen Kilometer langen DDR-Wurmfortsatz von Kleintettau zu betreten. Manchmal riskieren Westberliner Touristen, die hier im Zonenrandgebiet für 23 Mark am Tag (Vollpension) Billigurlaub machen, einen kessen Schritt über die Demarkationslinie. Da kommt es schon vor, daß plötzlich aus einem der beiden leeren Häuser Angehörige der Volksarmee auf sie zustürzen und sie zum Verhör in die thüringische Kreisstadt Saalfeld abführen.

Der 67 Jahre alte Wilhelm Wiegand, der hart am Todesstreifen seine Kaninchen füttert und von schwarzen Johannisbeeren aus dem eigenen Garten einen rosaroten Wein braut, hat mit der Obrigkeit drüben solchen Kummer nicht. Als seine Tochter Ingrid 1963 den Diplom-Kaufmann Erhard Walther ehelichte, da kamen mindestens acht Autos voller Hochzeitsgäste, und kein Volksgrenzer störte die Fete.

Im Dorf begann man zu spekulieren, wieso denn die Wiegands so behandelt würden und andere Leute wiederum so. Wahrscheinlich – so meinten einige – wärmten sich DDR-Soldaten in Frau Gertruds Küche hin und wieder bei gutem, bundesdeutschem Bohnenkaffee auf. Einmal, als sie auf dem Weg zur Metzgerei und Gaststätte Söllner war, wo sie sich als Küchenhilfe ihren Rentenanspruch verdiente, da zischte eine Frau ihr nach: „Kommunistenmensch!“ So wuchs zwischen den Wiegands und einigen ihrer Mitbürger in Kleintettau nach und nach das Mißtrauen.

Dabei war es nur Frau Gertruds rustikale Bodenständigkeit, die sie trotz Wilhelm Wiegands anfänglicher Bedenken veranlaßte, die Zonengrenze buchstäblich von der eigenen Haustür wegzuignorieren. „Ich bin 1909 in diesem Haus geboren“, sagt sie, „ich habe hier 21 Jahre lang meine gichtkranke, bettlägerige Mutter gepflegt. Ich habe hier geheiratet, meine beiden Kinder großgezogen, hier wollen wir in drei Jahren unsere goldene Hochzeit feiern, und hier will ich auch sterben.“