Eine große Gefahr für die Umwelt bisher kaum bemerkt

Von Rainer Köthe

Die DDT-Misere ist noch keineswegs überstanden, aber schon sorgt eine weitere Stoffklasse für neue Aufregungen: die polychlorierten Biphenyle (abgekürzt PCB). Ähnlich wie die Pestizide vom Typ des DDT, mit denen sie chemisch verwandt sind, zeigen sie eine hohe Giftigkeit, sind biologisch nur sehr langsam abbaubar und reichern sich in der Nahrungskette an. Obwohl sie, im Gegensatz zu den Pestiziden, nie in großem Umfange versprüht wurden, haben sie sich doch auf bislang noch wenig erforschten Wegen, über die ganze Welt verbreitet. Diese Schleichwege waren unlängst Thema eines internationalen Kongresses in New York, der sich mit den schädlichen Wirkungen der PCB und ihrer möglichen Eindämmung beschäftigte.

PCB sind Abkömmlinge des Biphenyls, das zum „Wachsen“ der Orangenschalen benutzt wird; sie werden daraus durch Behandlung mit Chlor hergestellt. In einem Biphenylmolekül können maximal zehn verschiedene Positionen mit Chlor besetzt werden. Rechnet man hinzu, daß unter den üblichen Herstellungsbedingungen PCB mit einem bis zehn Chloratomen pro Molekül entstehen, so ergibt sich die stattliche Zahl von über 200 möglichen PCB. Es wäre sehr teuer, all diese sogenannten Isomeren voneinander zu trennen, und so bieten die Herstellerfirmen Gemische mit durchschnittlichen Chlorgehalten zwischen 20 und 70 Prozent an. Je nach dem Chlorgehalt handelt es sich um Flüssigkeiten niedriger oder hoher Zähflüssigkeit, um Harze oder um Pulver.

Heute noch unersetzlich

Die PCB zeigen Eigenschaften, die ihnen seit dem Beginn der industriellen Herstellung um 1930 eine breite Palette von Anwendungsgebieten beschert und sie auch heute noch in einigen Fällen unersetzlich gemacht haben: Mit ihrem hohen Siedepunkt und ihrer relativ großen Viskosität verbinden sie eine sehr gute chemische Resistenz, Unbrennbarkeit, gute Isolationseigenschaften und hohe Wärmeleitfähigkeit. Sie werden eingesetzt als hydraulische Flüssigkeiten, als Isolator- und Kühlflüssigkeit in Starkstromtransformatoren, in Kühlsystemen, und bis vor wenigen Jahren als Weichmacher für Kunststoffe, in Kopierpapieren, Klebstoffen, Imprägniermitteln und in geringem Umfang als wirksamkeitsverlängernder Zusatz zu Pestiziden. Erst auf die Warnungen der Umweltforscher hin wurden diese Anwendungen eingeschränkt, nachdem bereits große Mengen PCB unkontrolliert in die Natur gelangen konnten.

Als Umweltbelastung wurden die PCB erstmals von dem schwedischen Forscher Sören Jensen erkannt. Er untersuchte von 1966 an regelmäßig Tiere, Pflanzen und Gewässer seiner Umgebung und fand teilweise erhebliche Mengen PCB, die zudem noch Jahr für Jahr größer wurden.