Von diesen grauen Abbildern der Ablichtungen der Realität wechselte Richter, Mitte der sechziger Jahre, auf einmal über in die bunte Abstraktion. Auch hier wieder hielt er sich an die banale Variante, malte eine ganze Serie von großformatigen Tafeln, auf denen er die Farben so durchbuchstabierte, wie es auf der Musterkarte von Malermeister Poppe zu sehen ist. Richter malte Bilder von Farbtafeln, eine große, traurigbunte Geste der Resignation.

Er kam dann, Ende der sechziger Jahre, zu den Photo-Vorlagen zurück, aber jetzt wählte er Stadt- und Landschaftsmotive, die ihm das zusätzliche Moment der Raumerfahrung boten, er malte Häuserblocks, Straßenreihen, Gebirgszüge und Gärten im Ausschnitt oder in der Totale oder aus der Vogelperspektive, trug Farben pastos auf, betonte das, was man die Handschrift nennt.

Aber dann, seit 1969, entsteht auf einmal eine Serie von Landschaften, wie es sie seit Caspar David Friedrich nicht mehr gegeben hat: tief helle Horizonte, dunkelwarmes Land davor, alles weich konturiert, stimmungsvoll, zart und schön. Zu schön, um wahr zu sein: auf großformatigen Leinwänden, die er selber gern "Ausschnitt" oder "Vermalung" nennt, läßt Richter seit 1972 Farben schlierenartig durcheinander laufen, arrangiert sie in weiten Pinselschwüngen oder in abgehacktem Stakkato zu abstrakten Dschungeln.

Schließlich der neue, der bisher letzte Richter: das 1974 wieder aufgenommene Thema der Farbtafeln und die riesigen (250 mal 300 Zentimeter großen) "Grauen Bilder" aus demselben Jahr, mal flockig stumpf, mal schwungvoll glänzend, immer total monochrom. "Ich kann mir keine Farbe vorstellen, die weniger Aussage hat", sagt Gerhard Richter.

Ich kann mir keine Ausstellung vorstellen, die die dezidierte Nicht-Aussage des Richterschen Œuvres besser zur Geltung bringen könnte als die Retrospektive in der Bremer Kunsthalle. Durch die Hängung (ein Teil der Bilder im Eingang und unterm Treppenhaus, das Gros in drei ineinandergehenden Räumen, die Arbeiten von 1974 in einem Einzelraum) wird die provozierende Diskontinuität dieses Werkes, die Austauschbarkeit der Entscheidungen sehr hart sichtbar. Durch die Beleuchtung (in diesem Hause sind immer die Vorhänge zu, die Jalousien heruntergelassen, und manchmal nagelt man die Fenster gleich ganz zu), die die Bilder mal in trüben Funzelschein taucht, mal im hellen Neonglanz erstrahlen läßt, werden Ironie und Resignation, die in dieser bewußten Diskontinuität liegen, fast schmerzhaft spürbar. Alle diese virtuos gemalten Bilder sind auch eine Persiflage auf alle virtuos gemalten Bilder.

Monotonie und Varietas. Gotthard Graubner arbeitet störungsfrei und unirritiert auf dem schmalen Gebiet seines großen Credos; er hat den Bereich optisch sinnlicher Wahrnehmung um eine Erfahrung ausgedehnt und bereichert. Gerhard Richter denunziert, von Inkonsequenz zu Inkonsequenz, alle Maximen und Standpunkte; er zeigt, von Stilumbruch zu Stilumbruch, daß Realität nur eine Frage der Optik ist, daß sie wahlweise Detail oder Vogelperspektive oder irgend etwas dazwischen sein kann, daß Wirklichkeit figurativ oder abstrakt, daß sie nie endgültig erfahren werden kann. (Kunsthalle Hamburg bis zum 18. Januar, Katalog 12 Mark; Kunsthalle Bremen bis zum 18. Januar, Katalog 19 Mark)

Petra Kipphoff