Wie die Nationalsozialisten Weihnachten politisch umfunktionierten

Von Karl-Heinz Janßen

Alle Jahre wieder spendet der Bundeskanzler oder der Bundespräsident dem deutschen Volk ein paar besinnliche Worte zum Weihnachtsfest. Der Ritus dieser überflüssigen "Ansprachen" ist ein (freilich harmloses) Überbleibsel aus einer Zeit, als in Deutschland das Fest der Geburt Christi hemmungslos zu politischer Agitation mißbraucht wurde.

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg, im Zeichen des Bundes von Thron und Altar, hatte die Weihnachtsbotschaft vom Sieg des Lichtes über die Finsternis einen nationalistischen Unterton bekommen. Nach der Niederlage von 1918 schleppten enttäuschte Frontsoldaten sentimentale Erinnerungen an gemütvolle Kriegsweihnachten mit sich herum. Auf Kameradschaftsabenden erbauten sich die Veteranen an der Kriegslyrik gefallener vaterländischer Dichter: Was Frost und Leid!/Mich brennt ein Eid/der glüht wie Feuerbrände/durch Schwert und Herz und Hände / es ende drum, wie es ende –/Deutschland, ich bin bereit.

In ungezählten Weihnachtsfeiern der Hitlerjugend, der Waffen-SS und der Wehrmacht ist dieses Weihnachtsgedicht von Walter Flex später zitiert worden. Von diesem schwärmerischen Patrioten stammte auch das vielgelesene "Weihnachtsmärchen des 50sten Regiments". In dieser Erzählung, die der Kriegsdichter seiner Kompanie am Heiligabend vorgetragen hatte, stürzt sich eine verzweifelte Kriegerwitwe in einen Waldteich. Sie erwacht am Ufer eines Sees, der von vielen tausend toten Soldaten bewacht wird und auf dessen Fluten die ungeborenen Kinder "in den Tränen ihres Volkes" baden.

Viele Deutsche, denen sich das Bild vergangener nationaler Größe desto mehr verklärt hatte, je trostloser die Gegenwart der Wirtschaftskrisen war, glaubten im Jahre 1933, mit dem Nationalsozialismus sei jenes starke, reine Geschlecht, das Walter Flex besungen hatte, an die Macht gekommen. Nicht nur am deutschen Wesen, auch an deutscher Weihnacht sollte nun die Welt genesen. "Deutscher Winter, komm über die Welt", jubilierte die Dichterin Ina Seidel. Das Christfest wurde zur Siegesfeier der nationalen Wiedergeburt.

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