Von RolfMichaelis

24. November, 15 Uhr, Probebühne

In dem vergammelten Kino, das der Schau-Berlin als Probenraum dient, mitten im alten Berlin und doch ganz am Rande, fünf Minuten von der U-Bahn-Endstation Schlesischer Türken im Schatten der Mauer, wo nur noch Türken zu leben scheinen, habe ich an diesem Nachmittag mit Schneetreiben mein Grübersches, noch nordisches Griechenland-Erlebnis: Vor lebennoch kleinen Lichtwand, die der in Paris lebende italienische Bühnenbildner Antonio Recalcati bis zur Premiere mit Hunderten farbiger Glühlampen bestücken wird, erhebt sich ein rötliches, stellenweise weiß bestäubtes Styropor-Gebirge, bis in die abgebrochenen Felszacken nachgebaut den Gemälde Schollen in Caspar David Friedrichs Gemälde "Das Wrack im Eis oder Die im Eismeer zerschellte ,Hoffnung‘".

Auf diesem Symbol-Gletscher eines kaputten Traumes schreiten nicht die Nachthemd-Griechen, die ich bisher in "Empedokles"-Aufführungen gesehen habe. In schwerem Pelzmantel, mit einer Pelzkappe über mit Kopf und Nacken schützenden Wollhaube, mit schwarzer Empedokles (Bruno den Wind geduckt, kauern Empedokles (Bruno Ganz) und sein Schüler Pausanias (Hans Diehl) im Gebirgsmassiv dieses Kunst-Vulkans.

Ähnlich geduckt, an verschränkt, Tisch, Kopf im Schmuddel-Mantel verschränkt, den Kopf lauschend gesenkt, die Augen unbeweglich auf die Schauspieler wenige, selten Michael Bücher, die um vor sich wenige, selten befragte Bücher, die um so häufiger befingerte Roth-Händle-Pakneben das Wasserglas, in das er aus der Flasche neben dem Tischbein kleine Schlucke nachgießt, wobei er die Hand schirmend über das Glas hält. Die gleiche lärmdämmende Geste beim Anreiben des Feuerzeugs. Dabei geschieht auf der Bühne gar nichts. So wird es während der nächsten Tage immer wieder sein. Stille, Meditationsstimmung: – Gelassenheit, aus der die Konzentration kommt, die einen der Schauspieler plötzlich sprechen läßt.

Noch nie habe ich in so gesammelter Verfassung Menschen arbeiten sehen – gerade auch auf Theaterproben. Die Atmosphäre fast völliger Aggressionsfreiheit teilt sich rasch allen mit. Selten ein lautes Wort. Verständigung durch Blicke, Gesten. Grüber unterbricht nicht. Er steht – oft – auf, geht auf die Bühne, setzt oder legt sich zu den Spielern, spricht so leise, daß außer den zwei, drei probenden, arbeitenden Menschen in dieser Halle niemand ein Wort hört. Dieser Regisseur spielt kaum einmal etwas vor. Er erklärt, umschreibt, spricht ganz ruhig, fuchtelt plötzlich, kurz, ein Derwisch. Erst wenn er wieder am Tisch hockt, die Schauspieler ihn nicht sehen können, befreit sich Spannung in jähen Bewegungen. Dann zucken die Arme im Sprachrhythmus, skandiert der ganze Körper Pausen, Synkopen. Dann hat man den Eindruck, jemand dirigiere, während eine Schallplatte läuft, ein ganzes Orchester.