Hamburg

Wasser kommt schneller als Feuer. Diese gar nicht komische Sprichwortweisheit alter Friesen ist in Hamburg an der Elbe, genauer gesagt: an der Tideelbe, nun abermals Gewißheit. Daß der Sturm, der mit Orkanböen aus Nordwest in den Rachen des Stroms hineinfegte, eine Sturmflut aufstauen werde, hatten Meteorologen und Hydrologen natürlich vorausgesehen und vorausgesagt; noch "fünf vor zwölf" jedoch ahnte niemand, was wirklich geschehen sollte. Nach 13 Uhr erst wurde bestürzend klar: Das Wasser kam schneller und stieg höher als vorausberechnet.

Um 14.07 Uhr gab Staatsrat Frank Dahrendorf, der oberste Beamte der Innenbehörde, Hochwasservoralarm. Schon neun Minuten darauf eskalierte der Voralarm zum Alarm. Zur gleichen Zeit wurde im Hafengebiet, auf Finkenwerder, ein Lager mit 150 Bewohnern evakuiert. Der St.-Pauli-Fischmarkt, wo Hamburg ein bißchen Teer- und Tran-Tradition pflegt, war bereits überflutet. Die Elbchaussee, Hamburgs Allee des Wohlstands, war unterbrochen.

Sirenengeheul unterblieb. Es gab keinen Grund, die Stadt aufzuschrecken. Der 3. Januar 1976 wurde ein Unglückstag. Ein Katastrophen wie jener 17. Februar 1962, als 315 Menschen den Tod fanden, wurde er durchaus nicht. Diesmal hat die Sturmflut unmittelbar kein Todesopfer gefordert. Die Deiche und Dämme, die Hamburg seit 1962 verstärkt, erhöht oder neu gebaut hat, für mehr als 650 Millionen Mark, hielten stand.

Firmen unter Wasser

Um 17.38 Uhr hatte das Wasser die bislang höchste Pegelmarke im Hamburger Hafen erreicht: 4,65 Meter über dem Mittleren Hochwasser, 62 Zentimeter höher als 1962. An manchen Stellen des Hafens soll der Stau sogar fünf Meter über die normale Fluthöhe gestiegen sein. Die Tideelbe, das Stromrevier, von der Mündung bis weit landeinwärts, das Ebbe und Flut, der Tide mithin, unterworfen ist, hat mit neuem Rekord aufgewartet.

Staatsrat Dahrendorf hat gerügt, daß die Voraussage, die zunächst auf 3,50 Meter über Mittlerem Hochwasser gelautet hatte, nicht präzise genug war und nicht rasch genug korrigiert wurde. Das Deutsche Hydrographische Institut, die verantwortliche Bundesbehörde, dürfte diesem Vorwurf entgegenhalten, wie schwierig es sei, alle Faktoren einer Naturgewalt mathematisch zu erfassen. Die Experten werden wieder über "Residuen" und "Gezeitenästuare" und andere böhmische Begriffe reden, die den Hamburger Bürgerschaftspolitikern schon zu schaffen machten, als sie vor einem Jahr in ihrer Drucksache 8/1090 blätterten, im "Bericht der vom Senat der Freien und Hansestadt Hamburg berufenen unabhängigen Kommission zur Untersuchung der Sturmfluten im November und Dezember 1973".