Doch der Streit, der die Gemüter an der Tideelbe am meisten erregt, dreht sich um eine andere Vorhersage. Die Gefahr werde nicht geringer, sondern noch größer, hatten manche Fachleute gewarnt, als nach der Katastrophe von 1962 Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein die Front der Deiche an der Elbe nicht nur verstärkten, sondern auch begradigten. Allein im Hamburger Bereich wurde die sogenannte Deichverteidigungslinie von 122,7 auf 96,6 Kilometer verkürzt. Die Abriegelung der Nebenflüsse durch Flutsperrwerke, die Vertiefung der Fahrrinne und Erdaufschüttungen für weiteres Hafengelände, lauter Menschenwerk ohne Rücksicht auf die Natur, so die Kritiker, haben die Lage weiter verschärft. Simpel erläutert: Die Unterelbe bietet den Fluten immer weniger Raum, sich auszubreiten, und so steigen sie immer mehr in die Höhe.

Daß die Wasserstände in der Sturmflutserie von 1973 ungewöhnlich hoch waren, obwohl der Wind in nur Stärke sechs bis acht wehte, wurde als Beweis für solche These angeführt. Andere Fachleute hingegen erklärten, daß alle technischen Veränderungen an und in der Tideelbe die Fluthöhe nur um einen Dezimeter, vielleicht ein bißchen mehr, steigern würden. Der Hamburger Senat setzte die "Unabhängige Kommission Sturmfluten" ein. Jetzt kann ihr Bericht gleichsam als wissenschaftliche Waffe im Streit um die Deichbaukunst dienen.

Die Kommission kam zum Ergebnis, daß die seit 1962 geplanten oder bereits fertiggestellten Hochwasserschutzwerke an der Unterelbe die Sturmflutwasserstände "praktisch" nicht beeinflussen. Die Skepsis zum Beispiel der Hamburger "Notgemeinschaft der flutgeschädigten Gewerbebetriebe" freilich wurde nicht ausgeräumt. Seit vorigen Sonnabend ist sie weiter gewachsen.

Siebzehn Quadratkilometer Hafengelände und Elbufer waren in Hamburg überschwemmt. "Für den Hafen gibt es keine Sicherheit", konstatierte das Hamburger Abendblatt; gemeint war, daß "außendeichs", wie man an der Wasserkante sagt, Überflutungen eben nicht zu verhindern sind. Doch der schnelle und hohe Anstieg des Wassers hat diesmal Schäden angerichtet, die man vorher in solchem Umfang nicht für möglich gehalten hätte.

Sicher wie sonst blieb der Hafen für die Seeschiffahrt. Die Sturmflut konnte die Schiffe am Ein- oder Auslaufen nicht hindern. Schwierigkeiten hatten allenfalls die Festmacher, wenn die Poller, um die man die Drahttrossen legt, am Kai überspült waren. Die Effektivität des Hafenbetriebs wurde nicht beeinträchtigt. Desto heftiger traf der Sturmflutschock zahlreiche Firmen im Hafengelände. Die Raffinerien von Shell, BP und Esso fielen aus. Allein die Shell schätzt ihren Schaden auf 30 Millionen Mark. Flutmauern, die man nach den Erfahrungen von 1962 errichtet hatte, erwiesen sich jetzt als zu niedrig. Eine Shell-Anlage stand da wie in einer riesigen Badewanne.

Offene Frage: Wer zahlt

Auf den Werften wurden Material und Maschinen beschädigt. Blohm & Voss lag einen halben Meter unter Wasser; ein Trockendock lief voll. Viele Lagerhäuser im Freihafen hatten Wassereinbruch. Auf Finkenwerder gelang es mit Mühe, das fast fertige Großflugzeug "Airbus A 300 B" vor Wasserschäden zu bewahren. Die Werksanlagen von Messerschmitt-Bölkow-Blohm waren einen Meter und höher überflutet.