Nicht nur in diesem Flugzeugwerk waren Computerbänder und Konstruktionsunterlagen fortgeschwemmt worden. Eine ganze Reihe von Betrieben steckt in Produktionsschwierigkeiten, weil wichtigste Unterlagen nicht sicher genug verwahrt wurden; und welche Konsequenzen man auch immer aus der Sturmflut ziehen wird: die Zeiten, da man im Freihafengebiet seine Telephonanlagen parterre installierte, dürften jetzt zu Ende gehen. Im Rathaus hatte man die üblen Erfahrungen mit der überschwemmten Kommunikationszentrale schon 1962 gemacht. Seither liegt die Telephonanlage dort ein Dutzend Meter über Kellerniveau.

Mit einigem Stirnrunzeln stellten die Katastrophenschützer fest, daß nicht einmal große Firmen, deren Manager ganz sicherlich Autotelephone besitzen, ihre außendeichs liegenden Werksanlagen mit mobilem Sprechfunkgerät ausgestattet haben. Überhaupt ist, wenn auch verhohlen, die Sorglosigkeit vieler Firmen kritisiert worden. "Seit Sankt Ansgar", wie ein Kenner sich sarkastisch ausdrückte, "weiß man in Hamburg, daß, wer außendeichs liegt, Probleme bekommt. Mancher Betrieb hätte einfach, ob nun Sturmflut drohte oder nicht, grundsätzlich bessere Vorsorge treffen können."

Wie hoch die Schäden insgesamt sind, wird noch geschätzt. Wer sie zahlt, ist eine offene Frage. Keine Frage aber ist es, daß vor allem kleineren Betrieben geholfen werden soll. Man will vermeiden, daß die Sturmflut womöglich eine Vielzahl von Arbeitsplätzen davonspült.

Die Hamburger Schäden wären wahrscheinlich, weil das Wasser noch höher gestanden hätte, noch größer, wenn nicht die Deiche an der Unterelbe bei Stade und auf der anderen Seite des Stroms, in der Haseldorfer Marsch, gebrochen wären. Im Kehdinger Land bei Stade wurden 20 000 Hektar überschwemmt. In der Haseldorfer Marsch mußten tausend Menschen ihre Häuser verlassen; auch auf dem Lande wurde, wie im Hamburger Hafengelände, die Gefahr immer wieder unterschätzt. Die Erfahrung eines Feuerwehrmanns war da typisch: "Viele Leute wollten einfach nicht glauben, daß es um Minuten ging, als wir sie herausholten."

Das Wasser kam so schnell, daß 86 Menschen in der Marsch eingeschlossen wurden und mit Hubschraubern und Pionierbooten versorgt werden mußten. Die Bundeswehr hatte ihre Urlauber über Rundfunk und Fernsehen in die am Wochenende leeren Kasernen zurückgerufen. Daß die Einheiten schon am Abend einsatzbereit waren, wird als ein weiteres Indiz für das gewertet, was seit geraumer Zeit schon als "Trend zur Wehrwilligkeit" bezeichnet werden kann.

Die Organisation der rund 12 000 Helfer und Retter, Polizei, Feuerwehr, Bundeswehr, Technisches Hilfswerk, Rotes Kreuz, Bundesgrenzschutz, Behördenangestellte und so weiter und so fort, klappte ziemlich routiniert. Man hat mittlerweile Sturmfluterfahrung genug. Daß die Politiker sich im Hintergrund hielten und den Sach- und Fachleuten das Feld überließen, wurde besonders auch in Hamburg vermerkt. Bürgermeister Hans-Ulrich Klose zog nicht als eine Art Schimmelreiter gegen den Blanken Hans vor die Deiche. Er war der aufmerksame Beobachter eines Ereignisses, aus dem nun abermals Lehren zu ziehen sind, zum Beispiel diese, daß mit dem Böllerschuß-Warnsystem aus braver, alter Zeit kein Staat mehr zu machen ist.

Die bitterste Lehre mag die Massenpsychologen beschäftigen. Wie nie zuvor wurde die Abwehr der Sturmflut von Schaulustigen behindert, die mit ihren Privatwagen Straßen und Zufahrtswege blockierten. Die Polizei begnügte sich noch einmal mit ernstem Wort: In Zukunft werden die störenden Wagen nicht mehr abgeschleppt, sondern mit Bulldozern oder Bergungspanzern zur Seite geräumt.