Von Hans Schueler

Nur einer von den sechs Terroristen, die kurz vor Weihnachten elf Ölminister mit ihrem Beraterstab im Wiener Opec-Gebäude kidnappten, ist bislang sicher identifiziert; der Deutsche Hans-Joachim Klein, 28 Jahre alt, zuletzt wohnhaft in Frankfurt am Main, Niemand hatte nach ihm gefahndet, Die Kenntnis seiner Identität verdankt die Polizei allein der Tatsache, daß er bei dem Überfall durch einen Bauchschuß schwer verletzt wurde, So konnten ihm im Krankenhaus Fingerabdrücke abgenommen werden, ehe er mit seinen fünf Komplizen nach Algier ausflog und schließlich in Libyen Pflege und Freiheit fand.

Als österreichische Polizeibeamte Hans-Joachim Klein – ohne ihn zu kennen – am 21. Dezember zum Krankenwagen führten, waren Pressephotographen zugegen. Doch sie kamen zu keiner guten Porträtaufnahme. Der Verletzte ließ den Kopf hängen und preßte seine rechte Hand auf die Stelle am Leib, wo die Kugel eingedrungen war und ihm Bauchspeicheldrüse und Darm durchschlagen hatte.

Wären die Photos besser geworden, hätten womöglich die Archivare der Bildagenturen in aller Welt der Polizei bei der Identifizierung den Rang abgelaufen: Hans-Joachim Klein war der Mann, der fast genau ein Jahr zuvor, am 4, Dezember 1974, den französischen Philosophen und Schriftsteller Jean-Paul Sartre vom Stuttgarter Flughafen Echterdingen nach Stuttgart-Stammheim chauffiert hatte – zum spektakulären Besuch bei Andreas Baader in dessen Haftzelle. Klein steuerte damals den Peugeot des inzwischen von der Verteidigung Baaders ausgeschlossenen Rechtsanwalts Dr. Klaus Croissant, Sartre saß neben ihm, der Anwalt auf dem Rücksitz, Auch an der auf den Baader-Besuch folgenden Pressekonferenz im Stuttgarter Zeppelin-Hotel nahm Klein als Beobachter im Hintergrund teil.

Von der Autofahrt und der Pressekonferenz gibt es Hunderte von Bildern. Nur: Wer kam nach einem Jahr schon auf die Idee, der Terrorist von Wien könne personengleich mit dem Sartre-Chauffeur sein? Offenbar stand Klein in den Diensten von Croissant. Die Sicherheitsbehörden wollen heute wissen, er habe als eine Art Leibwächter für den Stuttgarter Anwalt fungiert. Aber sie wissen wenig über ihn. Seine Fingerabdrücke waren nicht bei der Mai vorigen Jahres eingerichteten Sonderabteilung Terrorismus des Bundeskriminalamts (TE) in Bad Godesberg, sondern bei der für allgemeine Kriminalität zuständigen Wiesbadener Zentrale registriert: Klein ist wegen Straßenraubs und Einbruchdiebstahls vorbestraft. Später fiel er dem Verfassungsschutz wegen wiederholter Teilnahme an Hausbesetzungs-Aktionen in Frankfurt auf. Im Jahre 1971 war er eng mit der späteren Stockholm-Attentäterin Hanna Elisa Krabbe liiert.

Bis zum September letzten Jahres diente der gelernte Mechaniker Klein wiederum Organen der Rechtspflege. Er leistete in der Frankfurter Kanzlei der Rechtsanwälte Johannes Riemann und Inge Hornischer Botendienste; dem weiblichen Mitglied der Sozietät stand er auch persönlich nahe. Frau Hornischer gehörte 1968 – noch als Referendarin – zusammen mit den Rechtsanwälten Heinrich Hannover und Horst Mahler zu den Gründern der "Republikanischen Hilfe", einer Einrichtung zur Unterstützung von Apo-Angehörigen bei den Demonstrantenprozessen, Simple Kausalschlüsse sind hier freilich unzulässig: Nur ein winziger Bruchteil ehemaliger Apo-Leute ist den Weg des Terrors gegangen oder hat sich zur aktiven Unterstützung von Terroristen bereit gefunden.

Kaum noch Zweifel hegen bundesdeutsche Staatsschutzbeamte daran, daß ein Mann namens Ilich Ramirez Sanchez, geboren am 12. Oktober 1949 in Caracas/Venezuela, genannt "Carlos", das Haupt des Wiener Anschlages war. Der Mann ist binnen kurzer Zeit so sehr zur Legende geworden, ein neuer Che Guevara fast, daß Skeptiker an seiner Existenz zweifeln oder ihn doch mittlerweile für tot halten, während andere ihm den Oberbefehl über Hunderte von Sprengstoff-Kommandos in der ganzen Welt zuschreiben. Die Welt sieht ihn gar als selbständigen Unternehmer in Sachen Terrorismus, "den man mieten kann wie eine Kolonne Fensterputzer". Diesmal hätte ihn dann Libyens Staatspräsident Gaddhafi oder die "Volksfront zur Befreiung Palästinas" des Kinderarztes Georges Habash "gemietet".