Die Charakterstärke des Leonid Pljuschtsch hat letztlich gesiegt. Allerdings sind die furchtbaren Erlebnisse in Dnjepropetrowsk nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Wer ihn am trüben Vormittag des Samstags am österreichischslowakischen Grenzbahnhof Marchegg zum erstenmal seit seiner Verhaftung wiedergesehen hat, war von dem Anblick entsetzt: das Gesicht angeschwollen, der jugendlich-optimistische Blick von früher geschwunden, der ganze Mann müde und gebrochen.

Drei Ärzte, der britische Psychiater Gerry Low-Beer, der Franzose Gaston Ferdiere und der österreichische Neuropsychiater und Experte des Wiener Ministeriums für Justiz, Willibald Sluga, haben Pljuschtsch inzwischen untersucht. Ihre übereinstimmende Feststellung: die Moskauer Diagnose war falsch. Ebenso falsch aber waren die Experimente, die man an Leonid Pljuschtsch vorgenommen hat und die an die Methoden der Nazis in den Konzentrationslagern erinnern. Solche Heilmethoden, wie sie die Ärzte in Dnjepropetrowsk an dem gesunden Pljuschtsch angewandt haben, werden, so Dr. Sluga, im Westen nicht einmal bei akuten Fällen der Schizophrenie toleriert. Ob davon ein Dauerschaden bei dem ukrainischen Dissidenten zurückbleibt, wissen die Ärzte noch nicht. Sie vermuten jedoch, daß sich der Gelehrte von den Folgen der medikamentösen Behandlung, der seelischen Qual und der langen Isolierung in einigen Monaten erholen wird.

Seine Pflicht getan

Leonid Pljuschtsch ist in seinem Wesen so geblieben, wie ihn seine Freunde in Erinnerung hatten: bescheiden, zurückhaltend, ohne die geringste Versuchung, sich als politischer Held ins Rampenlicht zu stellen. Er meint, daß er seine Pflicht als mündiger Bürger und Mensch getan hat.

Pljuschtsch hat seit der Kinderzeit die Härte des Lebens kennengelernt. Als zweijähriges Kind verlor er seinen Vater. Er fiel im Krieg. Die Mutter konnte ihn kaum ernähren, so daß er an einer Knochentuberkulose erkrankte. Auch die Nachkriegsjahre waren nicht rosig. Mit Zähigkeit boxte er sich durch die Schulen, die er mit Auszeichnung verließ; die Aufnahmeprüfung für die mathematische Fakultät der Kiewer Universität bestand er glänzend; dann begann er seine wissenschaftliche Karriere im Kybernetischen Institut der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften.

Aber der junge Gelehrte wollte kein Fachidiot bleiben und fing an, sich sozialkritisch zu betätigen. Nach der Invasion der Ostblockarmeen in der Tschechoslowakei im August 1968 protestierte er gegen die Vergewaltigung des Nachbarstaates. Er kümmerte sich um verhaftete Russen, Juden und Krimtataren und vor allem um politisch oder religiös verfolgte ukrainische Landsleute. Er schloß sich der Initiativgruppe für Bürger- und Menschenrechte an. Zunächst hat er dafür mit dem Verlust des Postens in der Akademie der Wissenschaften bezahlt. Nirgends wollte man ihm eine Beschäftigung geben, bis er eines Tages die Stelle eines Nachtwächters erhielt. Aber er stand fest zu seinen politischen Idealen. Parteipolitisch zählte er zuerst zu den reformistisch eingestellten Marxisten. Als Pazifist neigte er jedoch bald zu kosmopolitischen Ansichten, die ihn mit solchen Männern wie den Bürgerrechtlern Sacharow und Grigorenko verbanden.