Noch immer machen Vorurteile den Anfallkranken das Leben zur Qual

Von Ursula Rabe

Das Kind war vier Jahre alt, als seine Mutter zum erstenmal einen Krampfanfall beobachtete. Die rechte Hand des Jungen zuckte rhythmisch, die Muskelkrämpfe breiteten sich langsam auf den Arm aus. Nach dem Anfall tastete der Kleine unsicher und verstört nach seiner rechten Hand. Viel mehr geschah nicht. Nach einigen Wochen das gleiche Bild. Der Hausarzt der Familie beruhigte die Eltern und schob das „eigenartige Verhalten“ des Kleinen auf eine typische Eifersuchtsreaktion gegenüber dem erst einige Monate alten Bruder. An die von der Mutter geschilderten Krämpfe glaubte er nicht. Nach dem dritten Anfall bestand die Mutter auf einer klinischen Untersuchung des Kindes. Die Diagnose: Jackson-Epilepsie.

Die Gewißheit, ein anfallskrankes Kind zu haben, traf die Eltern hart. Es dauerte lange, bis sie sich von all den falschen Vorstellungen und Vorurteilen über Ursprung, Wesen und Behandlungsmöglichkeiten einer Epilepsie lösen konnten. Wochen vergingen, bis sie lernten, die Jackson-Epilepsie ihres Sohnes als das anzusehen, was sie ist: eine Krankheit, die geheilt oder zumindest gebessert werden kann.

Um die Epilepsie rankt sich weithin auch heute noch ein mittelalterlicher Aberglaube. Sie wird „Fallsucht“ oder „heilige Krankheit“ genannt. Nicht wenige sehen in ihr eine Art „Teufelskrankheit“ oder ein „Gottesurteil“. Auch über das Wesen eines Epileptikers halten, sich hartnäckig Klischeevorstellungen: Ein Anfallskranker gilt als reizbar, mißtrauisch, launisch, jähzornig, roh und gewalttätig; sein Leiden führe unabwendbar zur Verblödung.

Solche schwerwiegenden Wesensveränderungen des Kranken werden in einigen Fällen mit sehr schwerer, auf keine Therapie ansprechender Epilepsie beobachtet. Sie befallen jedoch keineswegs die Mehrheit der Epileptiker, deren Anfälle durch eine medikamentöse Behandlung reduziert oder ganz unterdrückt werden können.

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