Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Januar

Auch eine Woche nach ihrem Stimmstreich halten vier unbekannte Niedersachsen ganz Bonn in Atem. Kein Politiker von Rang, der nicht mit Hannover in mehr oder minder ständiger Verbindung stünde. Die Post freut sich auf fette Telephonrechnungen. Das sonst eher entlegene Bundesland im Nordosten erscheint plötzlich wie unmittelbar in die Nachbarschaft gerückt.

Nach und nach freilich breitet sich Frustration aus. Die Konferenzen, Treffen und Besprechungen, die einander anfangs in den Parteihauptquartieren gejagt hatten, erstarren in emsigem Leerlauf. Da auch das raffinierteste Echolot die vier im sozial-liberalen Jargon militärisch-feindselig als „U-Boote“ eingestuften Abweichler nicht hat ausfindig machen können, fallen sämtliche Erkenntnisse, die sich aus der Motivforschung gewinnen ließen, für die Lageanalyse aus. Da bleibt nur eines: Lesen im Kaffeesatz.

Diese Ungewißheit irritiert alle – besonders natürlich die Regierungskoalition, speziell die Sozialdemokraten. Die Vorstellung, daß die Unterwasserflotille womöglich im eigenen Parteimeer kreuzt, ist beiden Koalitionspartnern unheimlich. Ihr auf Solidarität gebettetes Seelenleben ist empfindlich gestört.

Außerdem gilt, daß sich alle Anstrengungen, die Lage wieder zu meistern, zumindest bis zum 4. Februar hinziehen können. Bis zu diesem Tage muß Ernst Albrecht in Hannover nicht nur ein Kabinett gebildet, sondern auch den Versuch unternommen haben, für seine Ministermannschaft den parlamentarischen Segen zu erhalten. Es sieht ganz danach aus, als werde er diese Frist bis zum äußersten in Anspruch nehmen. Also können bis zum Anfang des nächsten Monats alle Bonner Pläne und Manöver nur Sandkastenspiele sein. Da erst nach einem Fehlschlag des Versuchs, eine neue Regierung ins Amt zu setzen, jene Uhr zu ticken beginnt, deren Zeiger in Richtung Landtagsauflösung oder Minderheitskabinett weisen, beginnt sich Bonn schon jetzt auf noch längere Zeitspannen einzurichten. Ein langer Nervenkrieg, womöglich ein zusätzlicher Wahlkampf, steht ins Haus. Auch das begeistert keinen.

Am leichtesten tut sich dabei noch die Union. In ihrem Werben um die FDP scheuten sie keinen Hakenschlag – sei es, daß Helmut Kohl und Albrecht den Freien Demokraten die niedersächsischen Bundesratsstimmen samt der Disposition über die Polen-Vereinbarungen anheimstellen; sei es, daß Franz Josef Strauß, sogleich wieder einen entfernteren und größeren Horizont anvisierend, den Liberalen als ganz selbstverständlich einen Posten offeriert, den er noch gar nicht besitzt: den des Vizekanzlers in Bonn.