Über zwölf Jahre ist das nun her, die Aufregung über die „Ansichten eines Clowns“: ganz extreme Urteile über Bölls (bis heute erfolgreichsten) Roman, allein acht Kritiker mit kontroversen Meinungen in der ZEIT, Empörung in Kirchenkreisen und christlichen Blättern („die Katholiken als Menschengruppe besudelt“). Seit über sechs Jahren wiederum brütet der Fernsehregisseur Vojtech Jasny über diesem deutschen Projekt, fertigte zusammen mit dem Autor sieben Drehbuchfassungen an und konnte die achte schließlich realisieren. Ein lange gereiftes, ein aller Aufmerksamkeit sicheres Unternehmen.

Hans Schnier, 30, Industriellensohn, zieht jahrelang als erfolgreicher Clown in wilder Ehe, wie man das damals nannte, mit dem Proletariermädchen Marie durchs Land. Er lehnt die Ehe ab und die Verpflichtung, später seine Kinder katholisch zu erziehen. Marie verläßt ihn, er scheitert in seinem Beruf und bleibt zerstritten mit seiner Familie, deren schäbiger Opportunismus vor wie nach dem Krieg ihn anwidert.

Böll hadert in der Maske dieses Berufskomikers mit der Köln/Bonner Gesellschaft um 1960 und dem, was man „rheinischen Katholizismus“ nennt; in frommer Empörung wütet er gegen Staat und Kirche, Bürgermoral und Klerikalismus, die alten Nazis und die neuen Herren, räsoniert er bissig, bitter, satirisch über Glaube und Menschlichkeit, Liebe und Ehe, Wohlstand und Armut: Übertreibung und groteske Verzerrung als Prinzip des Clowns, der Pantomime und als (sprachliche) Tarnkappe des Moralisten Böll.

Ein komischer Heiliger, dieser Schnier, einsam, lächerlich und liebenswert, ein reiner Tor, ein melancholischer Grübler und Zweifler; seine Verstörung ist die des verlorenen Sohns, seine Verzweiflung die des lachenden Bajazzo. Schnier, Opfer und Ankläger des Wirtschaftswunder-Deutschland, ist einer jener zähen Sensiblen, deren Revolte aufs Gemüt schlägt, ihm selbst, dem Leser und nun dem Zuschauer.

Die Umsetzung des Romans in den Film, der Erinnerungen und vielen Telephonate Schniers in reale Rückblenden ist glaubwürdig und sehr genau: sozusagen eine optimale. Literaturverfilmung. Viel authentischer Text ist erhalten im durchgehenden inneren Monolog Schniers wie in den von Böll geschriebenen Dialogen, und Walter Lassallys Kamera dient der Vorlage mit funktionalem Realismus.

Aber das Buch erschien 1963, die Handlung spielt 1960, die Erinnerungen in den fünfziger Jahren und in der Nazizeit. Und heute ist 1976. Wenn Schnier ins feudale Elternhaus zurückkehrt, wo die gefühlskalte Mutter (Eva-Maria Meineke), die damals seine Schwester opferte, um „die jüdischen Yankees von unserer heiligen deutschen Erde wieder zu vertreiben“, sich nun geschäftig mit katholischem Priester, Rabbiner und Ex-Nazi zusammentut und Vergangenheit nicht bewältigt; wenn Schnier pathetisch mit einem Prälaten über Katholizismus und Sexualität streitet und kauzig mit einem dicklich-dümmlichen Seminaristen über seinen Glauben rechtelt, wenn Jasny nur den Böll von damals repetiert und illustriert, dann kommt einem der Film hoffnungslos veraltet vor. Die Adaption ist zu getreu, zu penibel; viele der unzähligen kleinen Episoden sind nichts als artige Offerten an die Buchgemeinde. „Sie mieser christlicher Vogel!“ Na wenn schon.

Allein die private Geschichte der Titelfigur müßte eine Chance haben beim heutigen Kinopublikum. Die Leiden des jungen Schnier, des gescheiterten, verlassenen, der sich wundscheuert an der Unmenschlichkeit und Heuchelei seiner Umgebung, seiner schrecklichen Eltern, sein Weltschmerz und seine Einsamkeit, die im unendlich traurigen Schlußbild auf der Treppe des Bonner Hauptbahnhofs kulminieren: das rührt unmittelbar an, dieses Schicksal ist unter aktuellen Umständen vorstellbar.