Das Verhältnis des DIHT zur Regierung ist auf einem Tiefpunkt angelangt

Von Wolfgang Hoffmann

Für den Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT), Rechtsanwalt Paul Broicher, ist die Welt noch in Ordnung. „Unser Kontakt zu Regierungsmitgliedern in den Ressorts ist erstaunlich ungetrübt“, freute er sich noch vor kurzem. Doch das war nur die halbe Wahrheit, womöglich nicht einmal das. Denn längst nicht alle Minister stimmen mit dieser Ansicht des Geschäftsführers der Spitzenorganisation von 73 Industrie- und Handelskammern in der Bundesrepublik überein.

Besonders Bundeskanzler Helmut Schmidt ist dem DIHT, der in der nächsten Woche seinen Rechenschaftsbericht vorlegt, gram. Er läßt kaum eine Gelegenheit aus, den Handelstag mit spitzen Bemerkungen oder verbalen Kraftakten als den professionellen Zweckpessimisten abzukanzeln. Keine andere Spitzenorganisation der Wirtschaft liegt mit Helmut Schmidt so überquer wie der DIHT. Mit den Bankiers steht der Bundeskanzler seit jeher auf vertrautem Fuß. Um die Bauern braucht er sich kaum noch zu kümmern, denn die Agrarpolitik wird weitgehend von Brüssel gemacht.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hat mit dem zweiten SPD-Kanzler seinen Frieden geschlossen. Schmidt und BDI-Präsident Hans Günter Sohl parlieren sachlich miteinander und zollen sich gegenseitig Respekt. Mit dem Präsidenten der Arbeitgeberverbände ’(BDA), Hanns Martin Schleyer, für die meisten Sozialdemokraten der Fleisch gewordene Bilderbuch-Kapitalist, verbindet den Kanzler fast schon Freundschaft. Zumindest drängt sich dieser Eindruck auf, wenn Helmut Schmidt vom „lieben Herrn Schleyer“ redet. Hofiert wurde bis vor kurzem auch der Präsident des Groß- und Außenhandels, Fritz Dietz, der inzwischen wegen seiner Verstrickung in undurchsichtige Affären von Amt und Würden „beurlaubt“ worden ist. Daß Helmut Schmidt ausgerechnet ein Herrenessen bei Dietz zum Anlaß nahm, Seitenhiebe gegen den DIHT zu verteilen, wirkt zumindest im nachhinein pikant.

Welchen Tiefpunkt dagegen die Beziehungen zwischen Regierung und dem früher in Bonn hochangesehenen DIHT unter der Präsidentschaft des Stahlindustriellen Otto Wolff von Amerongen erreicht haben, wurde daran am augenfälligsten deutlich, daß kein Minister die DIHT-Vollversammlung Mitte Oktober in Dortmund besuchte. Nicht einmal ein Staatssekretär hatte es der Mühe für Wert befunden, von Bonn nach Dortmund zu fahren. Früher waren die Vollversammlungen ein Stelldichein der Bonner Prominenz bis hin zum Bundespräsidenten. Zeitmangel war es gewiß nicht, der die Politiker diesmal fern hielt. Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs etwa ist ansonsten seine Zeit nicht einmal zu schade, um dem Verband der chemischen Reiniger seine Aufwartung zu machen.

Ein ungeschickter Brief