Von Gideon Bachmann

In der Nacht vom 1. zum 2. November 1975 wurde auf einem verlassenen Feld in der Nähe der altrömischen Hafenstadt Ostia der Schriftsteller und Filmregisseur Pier Paolo Pasolini ermordet. Wenige Stunden nach der Tat gestand Giuseppe Pelosi den Mord. Schlagzeilen in London und New York schrien Obszönitäten.

Pasolini, bekannt als früherer Kommunist wie als Homosexueller, gab ein Fressen ab für alle, die aus der Wahrheit der Umstände gern die eigene basteln. Die Intellektuellen Italiens empörten sich; keiner der großen Namen von Moravia und Levi über Bertolucci und Pareise bis zu Bini und Oriana Fallaci ließ es sich nehmen, derjenige gewesen zu sein, der von Pier Paolo die letzten, intimen Gesprächsbrocken erworben hätte. Die Zeitungen und Zeitschriften waren wochenlang voll von "letzten Interviews"; das schwedische, italienische und französische Fernsehen sowie das ZDF wollten alle das letzte Interview gefilmt haben.

Viele behaupteten, es habe sich um einen politischen Mord gehandelt. Nur so ließe sich erklären, daß dieser unangenehme Kritiker aller Strömungen des modernen Italien auf so ruchlose und amateurhafte Weise umgebracht worden sei. Augenzeugen wollen gesehen haben, wie andere Mörder mit Ketten auf den schon leblos Daliegenden eingeschlagen hatten. Einem großen Haß sollte hier Luft gemacht worden sein. Aber trotz aller Untersuchungen kam die Polizei immer wieder auf Pelosi zurück, und keine andere Spur wurde verfolgt. Stunden nach der Entdeckung der Leiche erlaubte die Polizei auf dem Feld ein Fußballspiel, Spuren waren danach schwerlich noch zu entdecken. Außerdem arbeiten seit Anfang Januar zwei bekannte, vom Gericht eingesetzte römische Ärzte an der Ausarbeitung eines Gutachtens, das Pelosi als geistig unzurechnungsfähig erklären soll. Er würde dann mit einigen Jahren, oder vielleicht sogar nur Monaten, in einer Anstalt davongekommen.

Daß bei der Gerichtsverhandlung gegen Giuseppe Pelosi, die am 2. Februar in Rom beginnt, viel Neues bekannt wird, ist nicht zu erwarten. Auch wenn Pelosi nicht als geistig unzurechnungsfähig erklärt wird, kann diese Verhandlung nur noch der endgültigen Beerdigung des Falles dienen. Denn angeklagt ist hier nicht der siebzehnjährige Mörder, sondern sein Opfer: der dreiundfünfzigjährige Filmregisseur und Autor Pier Paolo Pasolini.

Der Prozeß gegen Pasolini hat aber schon stattgefunden, die offizielle Verhandlung hat mit diesem in der Presse und der Öffentlichkeit ausgetragenen Turnier nichts mehr gemein. Das Urteil über Pasolini hat seine Gesellschaft über ihn verhängt, noch bevor Pelosi mit seiner Tat ihm den physischen Gnadenstoß versetzte. Pasolini selber, hätte er die Tat überlebt, wäre bestimmt der erste gewesen, der dieselbe zu dem gestempelt hätte, was sie wirklich war: ein rein äußerliches Symptom einer zerfallenden Gesellschaftsordnung, der immer der einzelne, sofern er kämpft, zum Opfer fällt. Und nicht nur in seinem letzten Film hat Pasolini den Schwanengesang dieser Gesellschaft gesungen; sein ganzes Lebenswerk war von der Hoffnung durchdrungen, das Ende aufzuhalten. "Salò" ist der erste seiner Filme, der diese Hoffnung nicht mehr ausdrückt. Mit der Hoffnung gab er den zentralen Ansporn seines Lebens auf; sein physisches Ende bestätigte nur sein geistiges.

Es ist fast unmöglich, den "Fall" Pasolini von diesem letzten Film und von der Figur des Mannes selber zu trennen. Der Fall bietet kaum Anschauliches: Die römische Polizei hält trotz der veröffentlichten Augenzeugen-Aussagen an der Theorie des einfachen, homosexuellen Triebmordes fest. Die Intelligenzia besteht auf ihrer Theorie des politischen Motivs, und die Insistenz der Polizei, nur die banalste Spur zu verfolgen, könnte darauf hinweisen, daß in der Tat Politisches vertuscht wird. Aber was liegt schon daran, hier politisch und unpolitisch zu unterscheiden? Pasolini war unangenehm für alle Strömungen, denn er sagte, oft widersprüchlich, was er dachte.