Der Beruf des Dichters

Von Elias Canetti

Zu den Worten, die während einiger Zeit in hilfloser Ermattung darniederlagen, die man mied und verheimlichte, durch deren Gebrauch man sich zum Gespött machte, die man so lange entleerte, bis sie verschrumpft und häßlich zur Warnung wurden, gehört "Dichter". Wer sich auf die Tätigkeit, die wie immer weiterbestand, dennoch einließ, nannte sich "Jemand, der schreibt".

Man hätte denken können, daß es darum ging, einen falschen Anspruch aufzugeben, neue Maßstäbe zu gewinnen, strenger zu werden, gegen sich, und besonders alles zu vermeiden, was zu nichtswürdigen Erfolgen führt. In Wirklichkeit geschah das Gegenteil; eben von denen, die auf das Wort "Dichter" erbarmungslos losschlugen, wurden die Methoden, Aufsehen zu erregen, bewußt entwickelt und gesteigert. Die boshaftkleinliche Meinung, daß alle Literatur tot sei, wurde in pathetischen Worten als Proklamation gefaßt auf kostbares Papier gedruckt und so ernst und feierlich diskutiert, als handle es sich um ein komplexes, schwieriges Denkgebilde. Gewiß, dieser besondere Fall ersoff bald in seiner Lächerlichkeit, aber auch andere, die nicht steril genug waren, sich in einer Proklamation zu erschöpfen, die bittere und sehr begabte Bücher verfaßten, brachten es als "Jemand, der schreibt" sehr bald zu Ansehen und taten nun, was früher Dichter zu tun pflegten: Statt zu verstummen, schrieben sie dasselbe Buch immer wieder. So verbesserungsunfähig und todeswürdig die Menschheit ihnen erschien, eine Funktion war ihr geblieben: ihnen zu applaudieren. Wer dazu keine Lust verspürte, wer die immerselben Ergüsse satt hatte, war doppelt verdammt: einmal als Mensch, damit war es schon nichts, und dann als einer, der sich weigerte, die endlose Sterbesucht dessen, der schrieb, als das einzige anzuerkennen, das überhaupt noch von Wert war.

Sie werden begreifen, daß ich angesichts solcher Phänomene denen, die nur schreiben, nicht weniger Mißtrauen entgegenbringe als denen, die sich auch weiterhin selbstgefällig Dichter nennen. Ich sehe keinen Unterschied zwischen ihnen, sie gleichen einander wie ein Ei dem andern, eine Geltung, die sie einmal erlangt haben, scheint ihnen ein verbrieftes Recht.

Denn in Wirklichkeit ist es so, daß heute niemand ein Dichter ist, der nicht ernsthaft an seinem Recht, es zu sein, zweifelt. Wer den Zustand der Welt, in der wir leben, nicht sieht, hat schwerlich etwas über sie zu sagen. Ihre Gefährdung, früher ein Hauptanliegen der Religionen, hat sich ins Diesseits verlagert. Ihr Untergang, mehr als einmal geprobt, wird von solchen, die keine Dichter sind, kühl ins Auge gefaßt, es gibt welche, die seine Chancen errechnen, einen Beruf daraus machen und darüber fetter und fetter werden. Seit wir unsere Prophezeiungen Maschinen anvertraut haben, haben Prophezeiungen jeden Wert verloren. Je mehr wir von uns abspalten, je mehr wir leblosen Instanzen anvertrauen, desto weniger sind wir Herren über das, was geschieht. Aus unserer wachsenden Macht über alles, Unbelebtes wie Belebtes und besonders über unseresgleichen, ist eine Gegenmacht geworden, die wir nur scheinbar kontrollieren. Hundert und tausend Dinge wären darüber zu sagen, aber es ist alles bekannt, das ist das Sonderbarste daran, es ist in jeder Einzelheit zur täglichen Zeitungsnotiz, zur verruchten Banalität geworden. Sie werden von mir nicht erwarten, daß ich es alles wiederhole, ich habe mir heute etwas anderes, etwas Bescheideneres vorgenommen.

Vielleicht ist es der Mühe wert, darüber nachzudenken, ob es in dieser Situation der Erde etwas gibt, wodurch Dichter, oder was man bisher dafür hielt, sich nützlich machen könnten. Immerhin ist, trotz aller Schicksalsschläge, die das Wort für sie zu erdulden hatte, etwas von seinem Anspruch geblieben. Literatur mag sein, was sie will, sie ist eines nicht, sowenig wie die Menschheit, die noch an ihr festhält: Sie ist nicht tot. Worin müßte das Leben dessen bestehen, der sie heute vertritt, was sollte er zu bieten haben?

Durch Zufall bin ich kürzlich auf die Aufzeichnung eines anonymen Autors gestoßen, dessen Namen ich schon darum nicht nennen kann, weil niemand ihn kennt. Sie trägt das Datum: 23. August 1939, das war eine Woche vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, und lautet: "Es ist aber alles vorüber. Wäre ich wirklich ein Dichter, ich müßte den Krieg verhindern können."

Der Beruf des Dichters

Welch ein Unsinn, sagt man sich heute, da man weiß, was seither geschehen ist, welche Anmaßung! Was hätte ein einzelner verhindern können, und warum gerade ein Dichter? Läßt sich ein Anspruch denken, der wirklichkeitsferner ist? Und was unterscheidet diesen Satz vom Bombast derer, die durch ihre Sätze bewußt den Krieg herbeigeführt haben?

Ich las ihn irritiert, ich schrieb ihn mit steigender Irritation heraus. Hier, dachte ich, habe ich gefunden, was mir an diesem Wort "Dichter" am meisten zuwider ist, einen Anspruch, der in krassestem Widerspruch steht zu dem, was ein Dichter bestenfalls vermöchte, ein Beispiel für die Großsprecherei, die dieses Wort diskreditiert hat, und einen mit Mißtrauen erfüllt, sobald einer der Gilde sich auf die Brust schlägt und mit seinen kolossalen Absichten herausrückt.

Aber dann, während der folgenden Tage, spürte ich zu meinem Erstaunen, daß der Satz mich nicht losließ, daß er mir immer wieder in den Sinn kam, daß ich ihn hernahm, zerlegte, wegstieß und wieder hernahm, als liege es nur an mir, einen Sinn darin zu finden. Es war schon sonderbar, wie er begann: "Es ist aber alles vorüber", Ausdruck einer vollkommenen und hoffnungslosen Niederlage zu einer Zeit, da die Siege beginnen sollten. Da alles auf sie abgestellt wurde, spricht er bereits die Trostlosigkeit des Endes aus, und zwar so, als wäre es unvermeidlich. Der eigentliche Satz aber: "Wäre ich wirklich ein Dichter, ich müßte den Krieg verhindern können" enthält bei näherem Zusehen das Gegenteil einer Großsprecherei, nämlich das Eingeständnis kompletten Versagens. Noch mehr aber drückt er das Eingeständnis einer Verantwortung aus, und zwar dort – das ist das Verwunderliche daran –, wo man von Verantwortung im üblichen Sinne des Wortes am wenigsten sprechen könnte.

Frechheit und Ehrfurcht

Hier wendet sich einer, der offenbar meint, was er sagt, denn er sagt es in der Stille, gegen sich selbst. Er etabliert seinen Anspruch nicht, er gibt ihn auf. In seiner Verzweiflung über das, was nun kommen muß, klagt er sich an, nicht die eigentlichen Urheber, die er bestimmt genau kennt, denn kennte er sie nicht, er würde über das Kommende anders denken. So bleibt als Quelle der Irritation, die man anfangs empfand, ein einziges: die Vorstellung, die er von dem hatte, was ein Dichter sein müßte, und daß er sich für einen solchen gehalten hatte, bis zu dem Augenblick, da mit dem Ausbruch des Krieges für ihn alles zusammenbrach.

Es ist eben dieser irrationale Anspruch auf eine Verantwortung, der mich hier nachdenklich macht und besticht. Es wäre dazu auch zu sagen, daß es durch Worte, bewußt und immer wieder eingesetzte, mißbrauchte Worte zu dieser Situation gekommen ist, in der der Krieg unvermeidlich wurde. Wenn durch Worte so viel auszurichten ist – warum läßt es sich nicht durch Worte verhindern? Es ist gar nicht zu verwundern, daß jemand, der mehr als andere mit Worten umgeht, von ihrer Wirkung auch mehr erwartet als andere.

Ein Dichter wäre also, vielleicht haben wir das etwas zu rasch gefunden, einer, der von Worten besonders viel hält, sich unter ihnen so gern, ja vielleicht noch lieber umtut als unter Menschen, sich beiden ausliefert, aber doch mit mehr Vertrauen den Worten, diese von ihren Sitzen wohl auch herunterzerrt, um sie mit um so größerem Aplomb wieder einzusetzen, sie befragt und betastet, streichelt, zerkratzt, hobelt, bemalt, ja dazu imstande ist, nach all seinen intimen Frechheiten sich in Ehrfurcht vor ihnen wieder zu verkriechen. Selbst wenn er, wie so oft, als Übeltäter am Worte erscheint, so ist er auch dann ein Übeltäter aus Liebe.

Der Beruf des Dichters

Hinter all diesem Treiben steckt etwas, von dem er nicht immer selber weiß, das meistens schwach ist, aber manchmal auch von einer Gewalt, die ihn zerreißt, nämlich der Wille, für alles in Worten Faßbare einzustehen und dessen Versagen selbst zu büßen.

Welchen Wert kann diese Übernahme einer fiktiven Verantwortung für die anderen haben? Ich glaube, was der Mensch sich selbst auferlegt, wird von allen, auch den Beschränktesten, ernster genommen, als was ihm durch Zwang geschieht. Auch gibt es keine größere Nähe zu Ereignissen, keine tiefer eingreifende Beziehung zu ihnen, als sich für sie schuldig zu fühlen.

Wenn das Wort Dichter für viele zerlöchert war, so war es, weil sie eine Vorstellung von Schein und von Unernst damit verbanden, etwas, das sich entzog, um sich’s nicht zu schwerzumachen. Die Verbindung von hohen Allüren mit dem Ästhetischen, in allen Schattierungen, unmittelbar vor dem Eintritt in eine der düstersten Perioden der Menschheitsgeschichte, die sie nicht zu erkennen vermochten, als es schon über sie hereinbrach, war nicht dazu angetan, Respekt einzuflößen; ihr falsches Vertrauen, ihre Verkennung der Wirklichkeit, der sie durch Verachtung und sonst nichts beizukommen suchten, ihr Ableugnen jeglicher Verbindung damit, ihre innere Ferne von allem, was faktisch geschah, denn an der Sprache, deren sie sich bedienten, war es nicht abzulesen: – Man kann es wohl verstehen, daß Augen, die härter und genauer sahen, sich von so viel Blindheit mit Entsetzen abwandten.

Dem ist entgegenzuhalten, daß sich Sätze finden wie jener, von dem ich bei dieser Betrachtung ausging. Solange es welche gibt, und es gibt natürlich mehr als einen, die die Verantwortung für Worte auf sich nehmen und in der Erkenntnis völligen Scheiterns auf das schwerste empfinden, solange haben wir das Recht, an einem Worte festzuhalten, das für die Urheber der wesentlichsten Werke der Menschheit immer gebraucht wurde, Werke, ohne die wir das Bewußtsein dessen, was diese Menschheit ausmacht, gar nicht hätten. Mit diesen Werken konfrontiert, die wir auf eine andere Weise zwar, aber nicht weniger brauchen als unser tägliches Brot, von ihnen genährt und getragen, selbst wenn uns nichts anderes geblieben wäre, selbst wenn wir nicht einmal wüßten, wie sehr sie uns tragen, zugleich aber vergeblich nach etwas in unserer Zeit suchend, das sich ihnen gleichstellen ließe, bleibt uns nur eine Haltung übrig: Wir können, wenn wir sehr streng gegen die Zeit und besonders gegen uns selber sind, zum Schluß kommen, daß es heute keine Dichter gibt, aber leidenschaftlich wünschen müssen wir uns, daß es welche gäbe.

Das klingt sehr summarisch, und es hat wenig Wert, wenn wir uns nicht darüber klarzuwerden versuchen, was ein Dichter heute an sich haben müßte, um diesem Anspruch zu genügen.

Zu einem anderen werden

Als erstes und wichtigstes würde ich sagen, daß er der Hüter der Verwandlungen ist, Hüter in zwiefachem Sinn. Einmal wird er sich das literarische Erbe der Menschheit zu eigen machen, das an Verwandlungen reich ist. Wie reich, wissen wir erst heute, da die Schriften beinahe aller frühen Kulturen entziffert sind. Noch bis ins letzte Jahrhundert hinein hätte jeder, dem es um diesen eigentlichsten und rätselhaftesten Aspekt des Menschen, die Gabe der Verwandlung nämlich, zu tun war, sich an zwei Grundbücher der Antike gehalten, ein spätes: die Metamorphosen des Ovid, eine beinahe systematische Versammlung aller damals bekannten, mythischen, "höheren" Verwandlungen, und ein frühes, die Odyssee, in der es besonders um die abenteuerlichen Verwandlungen eines Menschen, eben des Odysseus, ging. Diese gipfeln in seiner Heimkehr als Bettler, des Geringsten, das vorstellbar war, und die Vollkommenheit der Verstellung, die ihm hier gelingt, ist von keinem späteren Dichter erreicht oder gar übertroffen worden.

Der Beruf des Dichters

Es wäre lächerlich, sich über die Wirkung dieser beiden Bücher auf die neueren europäischen Kulturen, schon vor der Renaissance und erst recht seit dieser zu verbreiten. In Ariost wie in Shakespeare und in unzähligen anderen scheinen die Metamorphosen des Ovid auf; und weit gefehlt wäre es zu glauben, daß ihre Wirkung auf die Moderne sich erschöpft hat. Odysseus aber begegnet uns bis zum heutigen Tage: die erste Figur der Weltliteratur, die in ihren zentralsten Bestand eingegangen ist, es möchte schwerfallen, mehr als fünf oder sechs Figuren von ebensolcher Ausstrahlung zu nennen.

Die erste, die für uns immer schon da war, ist sie wohl, aber nicht die älteste, denn es hat sich eine ältere gefunden. Es sind kaum hundert Jahre her, daß der mesopotamische Gilgamesch entdeckt und in seiner Bedeutung erkannt wurde. Dieses Epos beginnt mit der Verwandlung des unter den Tieren der Wildnis lebenden Naturmenschen Enkidu in einen Stadt- und Kulturmenschen, ein Thema, das uns heute, da wir Konkretes und sehr Genaues von Kindern erfahren, die unter Wölfen gelebt haben, erst recht nahe angeht. Es mündet, da Enkidu seinem Freunde Gilgamesch wegstirbt, in eine ungeheure Konfrontation mit dem Tod, die einzige, die den modernen Menschen nicht mit dem bitteren Nachgeschmack des Selbstbetrugs entläßt. Hier möchte ich mich als Zeugen für einen beinahe unglaubwürdigen Vorgang anbieten: Kein Werk der Literatur, buchstäblich keines hat mein Leben so entscheidend bestimmt wie dieses Epos, das viertausend Jahre alt ist und bis vor hundert Jahren niemand bekannt war. Im Alter von siebzehn Jahren bin ich ihm begegnet, es hat mich seither nicht losgelassen, ich bin zu ihm zurückgekehrt wie zu einer Bibel, und es hat mich, abgesehen von seiner spezifischen Wirkung, mit Erwartung auf uns noch Unbekanntes erfüllt. Es ist mir unmöglich, das Corpus der überlieferten Dinge, die uns zur Nahrung dienen, als abgeschlossen zu betrachten, und selbst wenn es sich erweisen sollte, daß keine schriftlich fixierten Werke von ebensolcher Bedeutung nachkommen, so bleibt das enorme Reservoir des durch die Naturvölker mündlich Überlieferten.

Von uns verachtet und ausgerottet

Denn da ist an Verwandlungen, um diese geht es uns hier, kein Ende. Man könnte sein Leben damit zubringen, sie aufzufassen und nachzuvollziehen, und es wäre kein schlecht zugebrachtes Leben. Stämme, die manchmal aus wenigen hundert Menschen bestehen, haben uns einen Reichtum hinterlassen, den wir gewiß nicht verdienen, denn durch unsere Schuld sind sie ausgestorben oder sterben vor unseren Augen, die kaum hinsehen, noch aus. Ihre mythischen Erfahrungen haben sie sich bis zum Schluß erhalten, und das Merkwürdige ist, daß es kaum etwas gibt, das uns mehr zustatten kommt, kaum etwas, das uns so sehr mit Hoffnung erfüllt wie eben diese frühen, unvergleichlichen Dichtungen von Menschen, die, von uns gejagt, übervorteilt und beraubt, in Elend und Bitterkeit zugrunde gegangen sind. Sie, die–für ihre bescheidene materielle Kultur von uns verachtet – blindlings und erbarmungslos ausgerottet wurden, haben uns ein geistiges Erbe hinterlassen, das unerschöpflich ist. Für seine Rettung kann man der Wissenschaft nicht dankbar genug sein; seine eigentliche Bewahrung, seine Auferstehung zu unserem Leben, ist Sache der Dichter.

Ich habe sie als die Hüter der Verwandlungen bezeichnet, aber sie sind es noch in einem anderen Sinne. In einer Welt, die auf Leistung und Spezialisierung angelegt ist, die nichts als Spitzen sieht, denen man in einer Art von linearer Beschränkung zustrebt, die alle Kraft an die kalte Einsamkeit der Spitzen wendet, das Danebenliegende aber, das Vielfache, das Eigentliche, das sich zu keiner Spitzenhilfe anbietet, mißachtet und verwischt, in einer Welt, die die Verwandlung mehr und mehr verbietet, weil sie dem Allzweck der Produktion entgegenwirkt, die bedenkenlos die Mittel zu ihrer Selbstzerstörung vervielfältigt und gleichzeitig zu ersticken sucht, was an früher erworbenen Qualitäten des Menschen noch vorhanden wäre, das ihr entgegenwirken könnte, in einer solchen Welt, die man als die verblendetste aller Welten bezeichnen möchte, scheint es von geradezu kardinaler Bedeutung, daß es welche gibt, die diese Gabe der Verwandlung ihr zum Trotz weiter üben.

Dies, meine ich, wäre die eigentliche Aufgabe der Dichter. Sie sollten, dank einer Gabe, die eine allgemeine war, die jetzt zur Atrophie verurteilt ist, die sie sich aber mit allen Mitteln erhalten müßten, die Zugänge zwischen den Menschen offenhalten. Sie sollten imstande sein, zu jedem zu werden, auch zum Kleinsten, zum Naivsten, zum Ohnmächtigsten. Ihre Lust auf Erfahrung anderer von innen her dürfte nie von den Zwecken bestimmt sein, aus denen unser normales, sozusagen offizielles Leben besteht, sie müßte völlig frei sein von einer Absicht auf Erfolg oder Geltung, eine Leidenschaft für sich, eben die Leidenschaft der Verwandlung. Es würde ein immer offenes Ohr dazugehören, doch wäre es damit allein nicht getan, denn eine Überzahl der Menschen heute ist des Sprechens kaum mehr mächtig, sie äußern sich in den Phrasen der Zeitungen und öffentlichen Medien und sagen, ohne wirklich dasselbe zu sein, mehr und mehr dasselbe. Nur durch Verwandlung in dem extremen Sinn, in dem das Wort hier gebraucht wird, wäre es möglich, zu fühlen, was ein Mensch hinter seinen Worten ist, der wirkliche Bestand dessen, was an Lebendem da ist, wäre auf keine andere Weise zu erfassen.

Es ist ein geheimnisvoller, in seiner Natur noch kaum untersuchter Prozeß, und doch ist es der einzige wahre Zugang zum anderen Menschen. Man hat diesen Prozeß auf verschiedene Weisen zu benennen versucht, es ist etwa von Einfühlung oder von Empathie die Rede, ich ziehe aus Gründen, die ich jetzt nicht vorbringen kann, das anspruchsvollere Wort "Verwandlung" vor. Aber wie immer man es nennt, daß es um etwas Wirkliches und sehr Kostbares dabei geht, wird schwerlich jemand zu bezweifeln wagen. In seiner immerwährenden Übung, in seiner zwingenden Erfahrung von Menschen jeder Art, von allen, aber besonders von jenen, die am wenigsten Beachtung finden, in der ruhelosen, durch kein System verkümmerten oder gelähmten Weise dieser Übung möchte ich den eigentlichen Beruf des Dichters sehen. Es ist denkbar, es ist sogar wahrscheinlich, daß nur ein Teil dieser Erfahrung in sein Werk eingeht. Wie man dieses beurteilt – das gehört wieder in die Welt der Leistungen und Spitzen, das kann uns heute nicht interessieren, wir sind damit beschäftigt zu erfassen, wie ein Dichter wäre, wenn es einen gäbe, nicht mit dem, was er hinterläßt.

Der Beruf des Dichters

Wenn ich von dem, was als Erfolg gilt, hier ganz und gar absehe, wenn ich dem sogar mißtraue, so hängt das mit einer Gefahr zusammen, die jeder von sich selber her kennt. Die Absicht auf Erfolg wie der Erfolg selber haben eine verengende Wirkung. Der Zielbewußte auf seinem Weg empfindet das meiste, was seiner Erreichung nicht dient, als Ballast. Er wirft es von sich, um leichter zu sein, es kann ihn nicht kümmern, daß es vielleicht sein Bestes ist, das er von sich wirft, wichtig ist für ihn der Punkt, den er erlangt, von Punkt zu Punkt schwingt er sich höher und rechnet in Metern. Die Position ist alles, sie ist von außen bestimmt, es ist nicht er, der sie erschafft, an ihrer Entstehung hat er keinen Anteil. Er sieht sie und strebt ihr zu, und so nützlich und notwendig solche Anstrengung in vielen Lebensbereichen sein mag, für den Dichter, wie wir ihn sehen möchten, wäre sie zerstörend.

Denn dieser hat vor allem mehr und mehr Platz in sich zu schaffen: Platz für Wissen, das er zu keinen erkenntlichen Zwecken erwirbt, und Platz für Menschen, die er durch Verwandlung erfährt und aufnimmt. Soweit es um Wissen geht, kann er es nur durch die redlichen und sauberen Prozesse erwerben, die den inneren Aufbau jedes Wissenszweiges bestimmen. Aber in der Wahl dieser Wissensgebiete, die weit auseinanderliegen mögen, wird er durch keine bewußte Regel geleitet, sondern durch einen unerklärlichen Hunger. Da er sich zugleich für die unterschiedlichsten Menschen öffnet und sie auf eine älteste, vorwissenschaftliche Weise, durch Verwandlung nämlich, begreift, da er dadurch in einer immerwährenden inneren Bewegung ist, die er nicht schwächen, der er kein Ende setzen darf – denn er sammelt Menschen nicht, er legt sie nicht ordentlich beiseite, er begegnet ihnen nur und nimmt sie lebend auf –, da er von ihnen heftige Stöße erfährt, ist es sehr wohl möglich, daß die plötzliche Hinwendung zu einem neuen Wissenszweig auch von solchen Begegnungen bestimmt ist.

Ich bin mir der Befremdlichkeit dieser Forderung bewußt, sie kann nicht anders als zu Widerspruch reizen. Es klingt so, als hätte er es auf ein Chaos gegensätzlicher und streitender Inhalte in sich angelegt. Einem solchen Einwand, er ist sehr gewichtig, hätte ich vorerst wenig entgegenzusetzen. Er ist der Welt am nächsten, wenn er ein Chaos in sich trägt, doch fühlt er, davon sind wir ausgegangen, Verantwortung für dieses Chaos, er billigt es nicht, es ist ihm nicht wohl dabei, er kommt sich nicht großartig vor, weil er für soviel Gegensätzliches und Unverbundenes Platz hat, er haßt das Chaos, er gibt die Hoffnung nicht auf, es für die anderen und so auch für sich zu bewältigen.

Dem Chaos nicht verfallen

Um über diese Welt etwas auszusagen, das von irgendwelchem Wert sein soll, kann er sie nicht von sich wegschieben und meiden. Als das Chaos, daß sie allen Zwecken und Planungen zum Trotz mehr als je ist, denn sie bewegt sich mit zunehmender Geschwindigkeit auf ihre Selbstzerstörung zu, so und nicht ad usum Delphini, des Lesers nämlich, geglättet und geputzt, muß er sie in sich tragen. Aber er darf dem Chaos nicht verfallen, er muß ihm, eben aus seiner Erfahrung von ihm heraus, widerstreiten und ihm das Ungestüm seiner Hoffnung entgegensetzen.

Was denn kann diese Hoffnung sein, und warum ist sie nur dann von Wert, wenn sie sich aus Verwandlungen nährt, den früheren, die er sich durch die Erregungen seiner Lektüren, den kontemporären, die er sich in der Offenheit für die aktuelle Umwelt zueignet?

Da ist einmal die Gewalt der Figuren, die ihn besetzt halten, die den Raum, den sie einmal in ihm eingenommen haben, nicht preisgeben. Sie reagieren aus ihm heraus, als ob er aus ihnen beistünde. Sie sind seine Mehrheit, artikuliert und bewußt, sie sind, da sie in ihm leben, sein Widerstand gegen den Tod. Zu den Eigenschaften schon der Mythen, die mündlich überliefert werden, gehört, daß sie sich wiedersagen müssen. Ihre Lebendigkeit kommt ihrer Bestimmtheit gleich, es ist ihnen gegeben, sich nicht zu ändern. Es ist nur in jedem einzelnen Falle möglich, zu finden, was ihre Vitalität ausmacht, und vielleicht hat man sie zu wenig daraufhin betrachtet, warum sie sich weitersagen müssen. Es ließe sich sehr wohl beschreiben, was einem geschieht, wenn man einem von ihnen zum erstenmal begegnet. Sie werden eine solche Beschreibung in ihrer Vollständigkeit, anders wäre sie nicht von Wert, heute von mir nicht erwarten. Ich will nur das eine erwähnen: das Gefühl der Sicherheit und Unumstößlichkeit, nur so war es, nur so kann es gewesen sein. Was immer es ist, das man im Mythos erfährt, so unglaubwürdig es in einem anderen Zusammenhang erscheinen müßte, hier bleibt es frei von Zweifel, hier hat es eine einzige, unverzeichenbare Gestalt.

Der Beruf des Dichters

Dieses Reservoir von Zweifellosigkeit, von dem so vieles bis auf uns gelangt ist, hat man zu den absonderlichsten Anleihen mißbraucht. Nur zu gut kennen wir den politischen Mißbrauch, der damit getrieben worden ist; entstellt, verdünnt, verzerrt, haben es selbst solche minderwertigen Anleihen an sich, für einige Jahre vorzuhalten, bis sie platzen. – Anleihen ganz anderer Art sind die der Wissenschaft, ich nenne nur ein eklatantes Beispiel: Wie immer man über den Wahrheitsgehalt etwa der Psychoanalyse denkt, einen guten Teil ihrer Kraft hat sie aus dem Worte Ödipus’ bezogen, und die seriöse Kritik an ihr, die eingesetzt hat, sucht sie in eben diesem Worte zu treffen.

Gegen die Abgesandten des Nichts

Aus dem Mißbrauch jeder Art, der mit Mythen getrieben worden ist, ist die Abwendung von ihnen zu erklären, die unsere Zeit kennzeichnet. Man empfindet sie als Lügen, weil man nur die Anleihen aus ihnen kennt, man wirft sie selbst mit den Anleihen beiseite. Was sie an Verwandlungen bieten, erscheint bloß noch unglaubwürdig. Von ihren Wundern erkennt man bloß die, die durch Erfindungen wahrgemacht wurden, und bedenkt nicht, daß wir jede von diesen ihrem Urbild im Mythos verdanken.

Was aber neben allen spezifischen Einzelgehalten das Eigentliche der Mythen ausmacht, ist die in ihnen geübte Verwandlung. Sie ist es, durch die sich der Mensch erschaffen hat. Durch sie hat er sich die Welt zu eigen gemacht, durch sie hat er Anteil an ihr, dar er der Verwandlung seine Macht verdankt, vermögen wir wohl einzusehen, er verdankt ihr aber Besseres, er verdankt ihr sein Erbarmen.

Ich scheue mich nicht, ein Wort zu gebrauchen, daß den Praktikern des Geistes unsachgemäß erscheint: Es wird, auch das gehört zur Spezialisierung, in den Bereich der Religionen verbannt, dort darf es genannt und verwaltet werden. Von den sachlichen Entscheidungen unseres täglichen Lebens, die mehr und mehr technisch gestimmt sind, wird es ferngehalten.

Ich habe gesagt, daß Dichter nur sein kann, wer Verantwortung fühlt, obwohl er vielleicht wenig mehr als andere dazu tut, sie in Einzelaktionen zu bewähren. Es ist eine Verantwortung für das Leben, das sich zerstört, und man soll sich nicht schämen zu sagen, daß diese Verantwortung von Erbarmen genährt ist. Es ist wertlos, wenn es als unbestimmtes und allgemeines Gefühl proklamiert wird. Es fordert die konkrete Verwandlung in jedes einzelne, das lebt und da ist, Am Mythos, an den überlieferten Literaturen erlernt und übt er die Verwandlung. Er ist nichts, wenn er sie nicht unaufhörlich an seiner Umwelt anwendet. Das tausendfältige Leben, das in ihn eingeht, das in all seinen Erscheinungsformen sinnlich getrennt bleibt, schlägt in ihm zu keinem bloßen Begriff zusammen, aber es gibt ihm die Kraft, sich dem Tod entgegenzustellen, und wird darin zu etwas Allgemeinem.

Es kann nicht Sache des Dichters sein, die Menschheit dem Tode auszuliefern. Mit Bestürzung wird er, der sich niemandem verschließt, die wachsende Macht des Todes in vielen erfahren. Selbst wenn es allen als vergebliches Unterfangen erschiene, er wird daran rütteln und nie, unter keinen Umständen, kapitulieren. Sein Stolz wird es sein, den Abgesandten des Nichts, die in der Literatur immer zahlreicher werden, zu widerstehen und sie mit anderen als ihren Mitteln zu bekämpfen. Er wird nach einem Gesetze leben, das sein eigenes ist, aber nicht für ihn selber zugeschnitten, es lautet:

Daß man niemand ins Nichts verstößt, der gern dort wäre. Daß man das Nichts nur aufsucht, um den Weg aus ihm zu finden, und den Weg für jeden bezeichnet. Daß man in der Trauer wie in der Verzweiflung verharrt, um zu lernen, wie man andere aus ihnen herausholt, aber nicht aus Verachtung des Glücks, das den Geschöpfen gebührt, obwohl sie einander entstellen und zerreißen.