Wenn ich von dem, was als Erfolg gilt, hier ganz und gar absehe, wenn ich dem sogar mißtraue, so hängt das mit einer Gefahr zusammen, die jeder von sich selber her kennt. Die Absicht auf Erfolg wie der Erfolg selber haben eine verengende Wirkung. Der Zielbewußte auf seinem Weg empfindet das meiste, was seiner Erreichung nicht dient, als Ballast. Er wirft es von sich, um leichter zu sein, es kann ihn nicht kümmern, daß es vielleicht sein Bestes ist, das er von sich wirft, wichtig ist für ihn der Punkt, den er erlangt, von Punkt zu Punkt schwingt er sich höher und rechnet in Metern. Die Position ist alles, sie ist von außen bestimmt, es ist nicht er, der sie erschafft, an ihrer Entstehung hat er keinen Anteil. Er sieht sie und strebt ihr zu, und so nützlich und notwendig solche Anstrengung in vielen Lebensbereichen sein mag, für den Dichter, wie wir ihn sehen möchten, wäre sie zerstörend.

Denn dieser hat vor allem mehr und mehr Platz in sich zu schaffen: Platz für Wissen, das er zu keinen erkenntlichen Zwecken erwirbt, und Platz für Menschen, die er durch Verwandlung erfährt und aufnimmt. Soweit es um Wissen geht, kann er es nur durch die redlichen und sauberen Prozesse erwerben, die den inneren Aufbau jedes Wissenszweiges bestimmen. Aber in der Wahl dieser Wissensgebiete, die weit auseinanderliegen mögen, wird er durch keine bewußte Regel geleitet, sondern durch einen unerklärlichen Hunger. Da er sich zugleich für die unterschiedlichsten Menschen öffnet und sie auf eine älteste, vorwissenschaftliche Weise, durch Verwandlung nämlich, begreift, da er dadurch in einer immerwährenden inneren Bewegung ist, die er nicht schwächen, der er kein Ende setzen darf – denn er sammelt Menschen nicht, er legt sie nicht ordentlich beiseite, er begegnet ihnen nur und nimmt sie lebend auf –, da er von ihnen heftige Stöße erfährt, ist es sehr wohl möglich, daß die plötzliche Hinwendung zu einem neuen Wissenszweig auch von solchen Begegnungen bestimmt ist.

Ich bin mir der Befremdlichkeit dieser Forderung bewußt, sie kann nicht anders als zu Widerspruch reizen. Es klingt so, als hätte er es auf ein Chaos gegensätzlicher und streitender Inhalte in sich angelegt. Einem solchen Einwand, er ist sehr gewichtig, hätte ich vorerst wenig entgegenzusetzen. Er ist der Welt am nächsten, wenn er ein Chaos in sich trägt, doch fühlt er, davon sind wir ausgegangen, Verantwortung für dieses Chaos, er billigt es nicht, es ist ihm nicht wohl dabei, er kommt sich nicht großartig vor, weil er für soviel Gegensätzliches und Unverbundenes Platz hat, er haßt das Chaos, er gibt die Hoffnung nicht auf, es für die anderen und so auch für sich zu bewältigen.

Dem Chaos nicht verfallen

Um über diese Welt etwas auszusagen, das von irgendwelchem Wert sein soll, kann er sie nicht von sich wegschieben und meiden. Als das Chaos, daß sie allen Zwecken und Planungen zum Trotz mehr als je ist, denn sie bewegt sich mit zunehmender Geschwindigkeit auf ihre Selbstzerstörung zu, so und nicht ad usum Delphini, des Lesers nämlich, geglättet und geputzt, muß er sie in sich tragen. Aber er darf dem Chaos nicht verfallen, er muß ihm, eben aus seiner Erfahrung von ihm heraus, widerstreiten und ihm das Ungestüm seiner Hoffnung entgegensetzen.

Was denn kann diese Hoffnung sein, und warum ist sie nur dann von Wert, wenn sie sich aus Verwandlungen nährt, den früheren, die er sich durch die Erregungen seiner Lektüren, den kontemporären, die er sich in der Offenheit für die aktuelle Umwelt zueignet?

Da ist einmal die Gewalt der Figuren, die ihn besetzt halten, die den Raum, den sie einmal in ihm eingenommen haben, nicht preisgeben. Sie reagieren aus ihm heraus, als ob er aus ihnen beistünde. Sie sind seine Mehrheit, artikuliert und bewußt, sie sind, da sie in ihm leben, sein Widerstand gegen den Tod. Zu den Eigenschaften schon der Mythen, die mündlich überliefert werden, gehört, daß sie sich wiedersagen müssen. Ihre Lebendigkeit kommt ihrer Bestimmtheit gleich, es ist ihnen gegeben, sich nicht zu ändern. Es ist nur in jedem einzelnen Falle möglich, zu finden, was ihre Vitalität ausmacht, und vielleicht hat man sie zu wenig daraufhin betrachtet, warum sie sich weitersagen müssen. Es ließe sich sehr wohl beschreiben, was einem geschieht, wenn man einem von ihnen zum erstenmal begegnet. Sie werden eine solche Beschreibung in ihrer Vollständigkeit, anders wäre sie nicht von Wert, heute von mir nicht erwarten. Ich will nur das eine erwähnen: das Gefühl der Sicherheit und Unumstößlichkeit, nur so war es, nur so kann es gewesen sein. Was immer es ist, das man im Mythos erfährt, so unglaubwürdig es in einem anderen Zusammenhang erscheinen müßte, hier bleibt es frei von Zweifel, hier hat es eine einzige, unverzeichenbare Gestalt.