Dieses Reservoir von Zweifellosigkeit, von dem so vieles bis auf uns gelangt ist, hat man zu den absonderlichsten Anleihen mißbraucht. Nur zu gut kennen wir den politischen Mißbrauch, der damit getrieben worden ist; entstellt, verdünnt, verzerrt, haben es selbst solche minderwertigen Anleihen an sich, für einige Jahre vorzuhalten, bis sie platzen. – Anleihen ganz anderer Art sind die der Wissenschaft, ich nenne nur ein eklatantes Beispiel: Wie immer man über den Wahrheitsgehalt etwa der Psychoanalyse denkt, einen guten Teil ihrer Kraft hat sie aus dem Worte Ödipus’ bezogen, und die seriöse Kritik an ihr, die eingesetzt hat, sucht sie in eben diesem Worte zu treffen.

Gegen die Abgesandten des Nichts

Aus dem Mißbrauch jeder Art, der mit Mythen getrieben worden ist, ist die Abwendung von ihnen zu erklären, die unsere Zeit kennzeichnet. Man empfindet sie als Lügen, weil man nur die Anleihen aus ihnen kennt, man wirft sie selbst mit den Anleihen beiseite. Was sie an Verwandlungen bieten, erscheint bloß noch unglaubwürdig. Von ihren Wundern erkennt man bloß die, die durch Erfindungen wahrgemacht wurden, und bedenkt nicht, daß wir jede von diesen ihrem Urbild im Mythos verdanken.

Was aber neben allen spezifischen Einzelgehalten das Eigentliche der Mythen ausmacht, ist die in ihnen geübte Verwandlung. Sie ist es, durch die sich der Mensch erschaffen hat. Durch sie hat er sich die Welt zu eigen gemacht, durch sie hat er Anteil an ihr, dar er der Verwandlung seine Macht verdankt, vermögen wir wohl einzusehen, er verdankt ihr aber Besseres, er verdankt ihr sein Erbarmen.

Ich scheue mich nicht, ein Wort zu gebrauchen, daß den Praktikern des Geistes unsachgemäß erscheint: Es wird, auch das gehört zur Spezialisierung, in den Bereich der Religionen verbannt, dort darf es genannt und verwaltet werden. Von den sachlichen Entscheidungen unseres täglichen Lebens, die mehr und mehr technisch gestimmt sind, wird es ferngehalten.

Ich habe gesagt, daß Dichter nur sein kann, wer Verantwortung fühlt, obwohl er vielleicht wenig mehr als andere dazu tut, sie in Einzelaktionen zu bewähren. Es ist eine Verantwortung für das Leben, das sich zerstört, und man soll sich nicht schämen zu sagen, daß diese Verantwortung von Erbarmen genährt ist. Es ist wertlos, wenn es als unbestimmtes und allgemeines Gefühl proklamiert wird. Es fordert die konkrete Verwandlung in jedes einzelne, das lebt und da ist, Am Mythos, an den überlieferten Literaturen erlernt und übt er die Verwandlung. Er ist nichts, wenn er sie nicht unaufhörlich an seiner Umwelt anwendet. Das tausendfältige Leben, das in ihn eingeht, das in all seinen Erscheinungsformen sinnlich getrennt bleibt, schlägt in ihm zu keinem bloßen Begriff zusammen, aber es gibt ihm die Kraft, sich dem Tod entgegenzustellen, und wird darin zu etwas Allgemeinem.

Es kann nicht Sache des Dichters sein, die Menschheit dem Tode auszuliefern. Mit Bestürzung wird er, der sich niemandem verschließt, die wachsende Macht des Todes in vielen erfahren. Selbst wenn es allen als vergebliches Unterfangen erschiene, er wird daran rütteln und nie, unter keinen Umständen, kapitulieren. Sein Stolz wird es sein, den Abgesandten des Nichts, die in der Literatur immer zahlreicher werden, zu widerstehen und sie mit anderen als ihren Mitteln zu bekämpfen. Er wird nach einem Gesetze leben, das sein eigenes ist, aber nicht für ihn selber zugeschnitten, es lautet:

Daß man niemand ins Nichts verstößt, der gern dort wäre. Daß man das Nichts nur aufsucht, um den Weg aus ihm zu finden, und den Weg für jeden bezeichnet. Daß man in der Trauer wie in der Verzweiflung verharrt, um zu lernen, wie man andere aus ihnen herausholt, aber nicht aus Verachtung des Glücks, das den Geschöpfen gebührt, obwohl sie einander entstellen und zerreißen.