Von Michael Jungblut

Der Text war eindeutig: „Es darf nicht noch einmal passieren, daß ... der Machtmißbrauch der Geschäftsführer darin gipfelt, sich nach kaum überstandener Liquiditätskrise des Unternehmens selbstherrlich kräftige Gehaltserhöhungen und zusätzlich protzige Dienstwagen bewilligen zu lassen, während man vom Fußvolk Disziplin verlangt.“ Nun biete sich die letzte Chance, „die Macht der Geschäftsleitung in die notwendigen Schranken zu verweisen, für eine saubere, kaufmännisch einwandfreie Geschäftsführung zu sorgen und dem Spesenunwesen ein Ende zu setzen“.

Mit solchen Worten hat sich wohl noch nie jemand um einen Sitz im Aufsichtsrat eines deutschen Unternehmens beworben – und ihn auch bekommen. Der 41jährige Robert Durmann, schwerkriegsversehrter und fast blinder Schreibassistent, wurde im vergangenen Oktober von seinen Kollegen als einer von fünf Mitarbeitervertretern in den neunköpfigen Beirat der Porst-Gruppe gewählt, der die Geschäftsleitung des Nürnberger Photohauses kontrolliert. Zur Wahl gestellt hatten sich achtzehn Kandidaten; beteiligt an der Abstimmung hatten sich achtzig Prozent der damals 1312 Mitarbeiter des Unternehmens.

Robert Durmann war allerdings der einzige, der mit derart kämpferischen Parolen Erfolg hatte. Die einzige weibliche Bewerberin, Silvia Pollmeier, die ebenfalls gegen Dienstwagen gewettert und gefordert hatte, es dürfe „nicht mehr vorkommen, daß der, der durch das Geld eine erdrückende Übermacht hat, in unserem Haus das Sagen hat“, wurde von den Mitarbeitern nicht noch einmal in den Beirat gewählt. Ihre Kollegen hatten offenbar schneller als sie begriffen, daß das „Kapital“ im Hause Porst keine Macht mehr hat.

Richtig ist allerdings, daß Hannsheinz Porst, der sich im November 1971 in der Nürnberger Meistersingerhalle von der versammelten Belegschaft als „Unternehmer verabschiedet und als neuer Mitarbeiter empfohlen“ hatte, 1974 noch einmal rasch in die alte Haut geschlüpft war. Er griff autoritär ins Ruder, um das Unternehmen von einem Abgrund wegzusteuern, auf den es zuzutreiben drohte. Die Porst-Gruppe, die zu rasch gewachsen war, befand sich in einer Liquiditätskrise. Die Lage wurde noch dadurch verschlimmert, daß gleichzeitig ein wahrer Exodus all jener Manager stattfand, die sich mit dem neuen Führungsstil nicht abfinden mochten.

Porst, der einst gelobt hatte, sich „aller entscheidenden Macht als Unternehmer zu entkleiden“, der den Gewinn zu hundert Prozent den Mitarbeitern zufließen lassen wollte, der es noch 1972 in einem Gespräch als „Indiz der Ehrlichkeit“ bezeichnet hatte, daß seine Abdankungsurkunde keine Kündigungsklausel enthielt, sprach zum 30. September 1974 eine Änderungskündigung aus. Durch sie wurden die Mitspracherechte der Betriebsangehörigen wieder stark eingeschränkt und der zuvor hundertprozentige Gewinnanspruch auf 25 Prozent reduziert.

„Das war nicht ganz legal“, räumt Hannsheinz Porst heute ein. Laut Vertrag hätten neunzig Prozent der Mitarbeiter auf einer Betriebsversammlung dieser Änderung zustimmen müssen. „Aber wir waren unter Druck, und wenn damals die Probleme in aller Öffentlichkeit diskutiert worden wären, hätten wir uns selber in die Pfanne gehauen.“