Unter dem barmherzigen Mantel des Schweigens birgt die Kölner Kriminalpolizei in der 14. Woche nach dem spektakulären Domnaub die Ergebnisse ihrer Bemühungen: „Wir wollen“, sagt der Leiter der Ermittlungskommission, Gert Schulz, „daß da gar nicht mehr drüber berichtet wird.“ Am Anfang sei der Fall, so habe man jetzt erkannt, „viel zu hoch“ gespielt worden. Nun wolle man Ruhe einkehren lassen.

Aufgeschreckt waren die Beamten aus ihrer kriminaltaktischen Ruhe, als am 18. Januar, einem Sonntag, der Kölner Express mit der Schlagzeile erschien: „Spanien: Domräuber gefaßt?“, und am selben Tag die Bild-Zeitung fragte: „Bergsteiger als Domräuber?“

Fortan standen im zuständigen vierten Kommissariat der Kölner Kriminalpolizei die Telephone nicht mehr still. Alle anderen Zeitungen wollten nun auch wissen: „Waren die Spanier es wirklich?“, und die Kriminalisten konnten immer nur die gleiche Antwort geben: „Ein Zusammenhang mit dem Kirchenraub in Spanien ist nicht erkennbar.“ Damit waren einige Zeitungen nicht zufrieden, sie machten aus „nicht erkennbar“ ein verheißungsvolles „noch nicht erkennbar“.

Doch der Zusammenhang ist immer noch nicht erkennbar und wird es wohl auch bleiben. Weder die Spur nach Spanien noch eine andere Spur erwiesen sich als heiß. So hat die Kölner Kripo wahrscheinlich zweierlei Gründe nichts zu sagen: Erstens gibt es wohl nichts zu sagen, und zweitens befürchtet sie, selbst dabei noch mißgedeutet zu werden.

Gesprächiger ist da der Mann der Kirche, Pater Walter Schulten, Leiter des Diözesan-Museums, unmittelbar neben dem Dom. Er weiß von kleinen Ganoven, die sich an die Tat ihrer großen Kollegen anhängen und ein Lösegeld erpressen wollten, indem sie etwas versprachen, was sie nicht halten konnten: Sie boten der Domkirche den Rückkauf der geklauten Juwelen an, ohne selber im Besitz derselben zu sein. Sie wurden erwischt und werden nun bestraft. Ebenfalls einen Anteil, wenn auch einen legalen, versprachen sich darüber hinaus Hunderte von Tip-Gebern, deren Phantasie durch die ausgesetzte Belohnung von 50 000 Mark angeregt war wie durch ein Halluzinogen.

Die Versicherungssumme für die gestohlenen Prunkmonstranzen und anderen reich mit Edelsteinen verzierten Sakralgegenstände steht indessen immer noch nicht fest. Während der Wert unmittelbar nach dem Raub auf mehrere Millionen Mark bis unschätzbar angegeben wurde, bemüht die Kirche sich nun um eine detailliertere Kostenaufstellung. Es wird ermittel:, was es kosten würde, wenn die gestohlenen Prunkstücke nach den vorhandenen Photographien von heutigen Juwelieren nachgebaut würden.

Während dabei die äußere Form keinerlei Schwierigkeiten mit sich bringt – die Stücke waren noch wenige Monate vor dem Raub genau vermessen worden –, erweisen sich die Besatzsteine als wesentlich härtere Nüsse: Keiner weiß, was es wirklich für Steine waren. Walter Schulten: „Der größte Teil der Besatzsteine ist nie fachgerecht bestimmt worden, weil man die Steine dafür aus der Fassung hätte nehmen müssen.“ Er ist sich sicher: „Die haben früher mit Sicherheit das benutzt, was man für das Kostbarste hielt.“ Doch es ist immerhin bekannt, daß zumindest auf den Rückseiten der Kleinodien auch kleine Tricks angewandt wurden: Wenn vorne ein prachtvoller Rubin prangte, dann hat man hinten einen farbig unterlegten Bergkristall als Gegenstück benutzt. Überholt und mit. neuen Warngeräten verbessert wurde inzwischen die Alarmanlage der Domschatzkammer. Eins Wiederholung des Einbruchs vom ersten Novemberwochenende des vergangenen Jahres ist jedoch ohnehin nicht zu befürchten: Die wertvollsten Schätze der Schatzkammer sind ja weg.

Michael Wesener