Tätowieren heißt im Knast jetzt „peikern“, das hieß da früher „sterben“, aber wer sich, jetzt mit der heißen Nadel eine Verzierung irgendwo hinpeikern läßt, weiß nicht, was „peikern“ einmal hieß. Und wie da jetzt „gepeikert“ wird: Da stehen dann die geritzten Sprüche: „Mein Kopf dem Henker“ oder „Ein deutscher Mann ohne Knast ist wie ein Schiff ohne Mast“, oder zwei geballte Fäuste sprengen eine Kette, und ohne Totenkopf geht es nie.

Und wer sich da so abstempeln läßt, hat meistens ganz harte Dinger gestoßen, und dem treten auch gleich die Augen aus den Höhlen, wenn man es mit ihm zu genau nimmt, der nimmt es im Knast mit nichts genau, nur mit sich selbst, und die Gefängnisordnung ist für ihn wie jede andere Ordnung, er kann mit Ordnung gar nichts anfangen, die hatte er schon früher nicht, die Ordnung, er mußte immer zusehen, daß es mit ihm in Ordnung ging, sonst nahm er alles gleich voll unter die Schaufel.

Immer mehr lassen die Nadel für sich heiß machen, erstmal die, die die ganz harten Dinger gestoßen haben, und dann die, die zu denen gehören möchten, und die dann auch noch, die mit niemand können und die sich sagen, dann schon die.

Joschi S. hatte sich eine aufgehende Sonne unter den Haaransatz auf die Stirn peikern lassen, aber das ist länger her. Jetzt hat er eine Jung-Mutter mit Sohn geheiratet und fährt mit einem Last-Taxi, das auf ihren Namen läuft, seine zwei Mille im Monat ein. Er kämmt seine Haare aus geschäftlichen Gründen über die aufgehende Sonne, und zu dem Sohn, da sagte er, daß er mal eine Wette abgeschlossen hätte, und dadurch ist die aufgehende Sonne auf seine Stirn gekommen.

Da machen sich jetzt aber die anderen Knackis, für die früher alles besser in Ordnung war, Gedanken über die zunehmende Peikerei. Sie fragen sich, ob mehr Urlaub, erhöhter Monatseinkauf und größere Chancen bei der Strafaussetzung als Lohn für den Entschluß, sich nicht tätowieren zu lassen, helfen würde. Und sie denken an die Einbeziehung von draußen. Aber „draußen“, das dauert für die meisten noch lange und für sie ist draußen ja selten jemand, der sie so einbezieht, wie sie von draußen einbezogen werden sollten, für die anderen schon eher. Und die denken auch nicht an positive Ergebnisse im Knast und menschliche Anteilnahme der anderen da.

Es muß ja nicht sein, daß die Tätowierten, wie die anderen voraussagen, draußen entweder wieder die ganz harten Dinger stoßen oder rückfällig werden, weil sie mit den Kunstwerken am Balg herumlaufen, alle sieht man ja nicht, und wenn es um Arbeit geht, braucht keiner sein Hemd auszuziehen. Und draußen lassen sich sogar Ärzte, Rechtsanwälte und Priester tätowieren; zuletzt wollte ein Achtzigjähriger unter die heiße Nadel, er war Regierungsrat.

Und die Knackis, die den Tätowierten helfen wollen, und denen, die auch dazugehören möchten, sollten sie nicht einteilen in „harte Straftäter“, „Weichlinge“, „Mitläufer“, „Kunstbesessene“, und nicht immer von erzwungener Solidarität und Alibi-Versionen reden, denn wer so redet wie die, richtet neue Hürden auf; sie meinen es ja wirklich gut, aber die anderen verstehen ihre Sprache nicht und finden, daß die sich auch einbilden, was Besonderes zu sein, und wie.