Von Ulrich Schmidt

Toronto, im Februar

Es nützt den Russen wenig, daß sie ihren Moskauer Fernsehturm, den mit 533,3 Metern bislang höchsten Turm der Welt, auf 537,3 Meter aufgestockt haben. Den Weltmeistertitel haben sie jetzt an Toronto abtreten müssen. Dort hat die staatseigene Eisenbahngesellschaft Canadian National (CN) den bislang höchsten Fernsehturm der Welt gebaut. Seine Höhe: 553,339 Meter.

Den Münchner und den Hamburger Fernsehturm müßte man übereinander stellen, um auf diese Länge zu kommen. Im übrigen kann auch der Neuling von Kanada seine geistige Herkunft von dem 1956 vollendeten Stuttgarter Fernsehturm (217 Meter) nicht verleugnen. Er besteht aus einem schlanken, sich baumartig verjüngenden Betonschaft, einer Antenne für die Funktechnik und einer Kanzel für jedermanns Panorama-Vergnügen.

Die auffälligste Abweichung: Der Schaft ist nicht glattgerundet wie bei fast allen bisher gebauten Fernsehtürmen, sondern in drei Strängen ausgebildet, die den sechskantigen Turmkern abstützen. Die vier Aufzüge bis zur siebengeschossigen Kanzel (334 bis 362 Meter) bewegen sich unter einer Glashaut an der Außenwand entlang. So ist schon die Auffahrt ein visuelles Vergnügen und nicht bloß wie anderswo ein Knacken im Ohr.

21 Millionen Dollar hat der Betonbau gekostet. Warum ein so gewaltiger Aufwand? Für jedermann einleuchtend ist die Absicht, den 1,8 Millionen Einwohnern von Toronto über die Wohn- und Bürotürme hinweg ein einwandfreies und von Fassadenreflexen ungetrübtes Fernseh-Bild ins Haus zu liefern.

Was die Staatseisenbahnen sonst noch zum Turmbau treibt, läßt sich nur ungefähr erahnen aus den doppelsinnigen Worten, die Eisenbahnpräsident Norman J. MacMillan fand, als er in 446 Meter Höhe mit silberner Kelle den letzten Batzen Beton in die Schalung schüttete: Die Canadian National müsse ihren „Horizont erweitern“ und sich weiter entwickeln „zum Nutzen des Volkes von Kanada“.