Weil nun vor dreißig Jahren die ZEIT weder Geld noch Papier genug zur Verfügung hatte, konnte die Redaktion nicht einfach wachsen, es sei denn, in des Lesers Phantasie. Jedenfalls verdoppelten sich, der Not gehorchend, die verantwortlichen Redakteure nach der Regel: Mach zwei aus deinem Ich und bleibe doch derselbe! Dem politischen Journalisten Tüngel trat ein "Martin Rabe" zur Seite, wenn er über Theater schrieb, dem Dr. Topf gesellte sich ein "Kessel" zu, und mir wurden manchmal Grüße an "Jan Molitor" aufgetragen, und ich solle mir an ihm ein Beispiel nehmen. Nur Marion Dönhoff, die ursprünglich zur Welt hatte gehen wollen und dann mehr zufällig als absichtlich, in jedem Falle aber: gottlob, an die ZEIT geraten war, hat sich immer ohne Pseudonym beholfen. Und so auch Erika Müller, die bald hinzutrat und später unterm Namen ihres Mannes, des Malers Merveldt, zeigte, wie ein "Reiseteil" aussehen muß in einer Zeit, da Erholung nicht nur ein Vergnügen, sondern auch ein Wirtschaftsfaktor ersten Ranges ist. Aber so weit waren wir vor drei Jahrzehnten lange nicht.

Wenn ich mich befrage, ob wir gleich im ersten Jahr der ZEIT die rechte Witterung hatten, können wohl die Namen der Mitarbeiter einen Hinweis geben: Der Anglist Bruno Snell über "Humanismus heute". Erich Welter, der spätere Herausgeber der FAZ, über politisch-wirtschaftliche Fragen. Da sind Jürgen Schüddekopf, der spätere Leiter des "Nachtprogramms" im Norddeutschen Rundfunk, und vor allem Ernst Schnabel, Mitbegründer der "Gruppe 47" und später Intendant des Senders Hamburg. Bruno E. Werner, später erster bundesdeutscher Kulturattache in den USA. Der Essayist Friedrich Rasche. Unter den Kunstwissenschaftlern immer wieder Karl-Georg Heise und der junge Werner Haftmann. Unter den Musikwissenschaftlern Fred Hamel, der später bei der "Grammophon" die "Archiv-Produktion" gründete und lenkte. Immer wieder und reich an Pseudonymen: Peter Bamm. Der Städtebauer Fritz Schumacher. Der Dichter Wilhelm Lehmann, Der Kulturpolitiker Hans Stock. Der gerade aus England in seine Vaterstadt heimgekehrte Beheim-Schwarzbach. Der Lyriker Karl Krolow, Und schon im ersten Jahre ein Mann, der unter dem Namen Ernst Ferger eine eindringliche Schrift an die "Deutsche Jugend" (so der Titel) richtete und nun in die ZEIT-Redaktion eintrat: Ernst Friedländer, großer, von europäischen Gedanken erfüllter Geist.

Namen genug. Und im nachhinein will mir noch einmal scheinen, daß diese Namen nicht schlecht zur Situation der verbliebenen Freunde aus dem ersten Jahrgang passen. War’s Bucerius, war. ich es, der den Seufzer ausstieß?

"Müssen wir denn immer wieder zwischen den Stühlen sitzen!"

Sicher ist, daß Marion Dönhoff die Antwort gab: "Es ist der einzig vernünftige Sitz, den man einnehmen kann."