Wurden Tabletten verwechselt? – Seite 1

Hamburg

Die "Gesellschaft für regenerative Überdrucktherapie" (GRT) hatte zu einer Pressekonferenz in ihren Hamburger Firmensitz, eine stattliche Altvilla, geladen. Im hannoverschen Haus der GRT hatten am 2. Februar drei Männer und zwei Frauen die Behandlung nicht überlebt. Einem Überdruck von 4,5 atü ausgesetzt, wie Taucher in vierzig Meter Wassertiefe, waren sie kollabiert, als der Druck gesenkt worden war.

Anlaß, Journalisten in die Hamburger GRT zu laden, war dieses Unglück nicht. Nur in einem Nebensatz "... wir wissen ja nun, daß leider..." wurde es mit Takt und Taktik erwähnt.

Auf den Stuhlreihen drängten sich schon lange vor der Zeit rund einhundertfünfzig Personen. Eine kleine Bundespressekonferenz? Das nicht. Die Versammlung sah aus, als hätten sich die Bewohner eines Altersheims im Gemeinschaftsraum eingefunden, weil etwas veranstaltet werden soll. Es wurde. Allerdings mit ziemlicher Verspätung.

Vorher nämlich bat der ärztliche Leiter ein paar Journalisten nach oben in sein Zimmer. Erste Information: Er konnte sich nicht erklären, wer etwas von einer Pressekonferenz gesagt haben sollte. Daß Presse käme, hätte er erst zufällig soeben erfahren. Bei den Leuten im Saal handle es sich um Patienten, die wissen wollten, was denn nun los sei. Denn auf Beschluß der Gesundheitsbehörde hatte "der Laden" schließen müssen.

Der Arzt sprach dann zum Volk. Er klärte seine Patienten – überwiegend Rentner darüber auf, daß man sich bei Wetterwechsel zuweilen schlecht fühlt, Nasenbluten unangenehm sein kann, daß es einen Unterschied zwischen akuter und chronischer Krankheit gibt, daß der Arzt nichts vermag, wenn der Behandelte nicht selbst vernünftig mithilft, daß die Überdrucktherapie fast immer bessert, aber einen Krebs nicht heilen kann.

Zu einer Therapie, deren Ziel "Normotonie" sein soll, was immer das heißt, gehören bei der GRT zehn Sitzungen zum Preis von je 65 Mark, was keine Kasse bezahlt, da der Nutzen dieser Außenseiterbehandlung mehr als fragwürdig ist. Der Arzt der GRT weiß, warum "viele konservative Mediziner" von der Überdruckbehandlung abraten: "Weil sie nicht die Kenntnis haben."

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Als die alten Leute gegangen sind, dürfen die Journalisten fragen. – Einiges weiß der Mediziner genau, zum Beispiel, daß die Gesellschaft "ein Patientengut von 70 000 hat". Wieviele es in Hamburg sind, da ist er sich nicht sicher: "Einige tausend, ich will mich da nicht festlegen."

Er sagt, sein Kollege in Hannover habe wohl zwei Tabletten verwechselt, aus Versehen die für Taucher benutzt, die den Druckabfall in kürzerer Zeit vorsieht. Ob die eigenen Patienten anfangs gleich alles für die zehn Sitzungen "hinblättern" müssen – diese Frage mißversteht er, denkt, die Krankenblätter wären gemeint. "Das Geld? Ja, das weiß ich wirklich nicht."

Wie schnell in seinem Haus Hilfe möglich ist, wenn ein Patient in Gefahr kommt, scheint er auch nur schätzen zu können – zwei Minuten? eine Viertelstunde? So richtig genau ist eigentlich nur eine Bitte, die er wiederholt vorträgt: "Erwähnen Sie nicht meinen Namen – ich möchte nicht, daß meine ärztlichen Kollegen den Eindruck bekommen, ich drängte mich sozusagen ins Scheinwerferlicht." Rumpelstilzchen sagt trotz soviel Bescheidenheit dann aber doch, daß er Dr. Hartwig Schuldt heißt. R. H.