Auch Strafgesetze können die Sitten der Vorväter nicht abschaffen

Von Marianna Butenschön

Im Eingang des Museums für bildende Künste von Aschchabad, der Hauptstadt der Sowjetrepublik Turkmenistan, hängt ein fast zwanzig Quadratmeter großer, rund eine Tonne schwerer Teppich. Er entstand 1924 und zeigt ein handgewirktes Porträt Lenins. Darunter steht in russischer Sprache: „Nieder mit dem Kalym!“

Der Kalym war der Kaufpreis, den ein heiratslustiger Mann nach jahrhundertealtem Brauchtum an die Eltern seiner Zukünftigen zahlen mußte. Wer reich war, konnte sich sogar mehrere Bräute kaufen, wer arm war, blieb gar genug unverheiratet. Wer nur einen Teil des Kalym aufbringen konnte, durfte nur die Flitterwochen mit seiner Frau verbringen. Dann mußte die Jungvermählte in die elterliche Jurte zurückkehren und dort warten, bis ihr Mann den Rest des Kaufpreises bezahlt hatte. Das konnte Jahre, manchmal Jahrzehnte dauern, während der die Eheleute sich bei Strafe nicht treffen durften. Der Versuch eines Wiedersehens ging für den Ehemann bisweilen tödlich aus. Auch die Zwangsrückkehr der jungen Frau zu den Eltern, die „Kajtarma“, gehörte in Zentralasien zum überlieferten Brauch.

Die Oktoberrevolution befreite die Frauen Zentralasiens, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter die Herrschaft der russischen Zaren kam, vom Joch des Kalym und brachte ihnen formal die volle rechtliche und wirtschaftliche Gleichberechtigung mit dem Mann.

Doch nach über fünfzig Jahren Sowjetmacht halten sich viele Sowjetasiaten – Turkmenen, Usbeken, Kirgisen, Tadschiken, Dagestaner – immer noch lieber an das „Adat“, das ungeschriebene und in der UdSSR verbotene Gewohnheitsrecht islamischer Völker, als an Verfassung und Strafgesetzbuch.

„Der barbarische Brauch der alten Zeiten“, berichtete die turkmenische Dichterin Touschan Esenowa in der Moskauer Literaturzeitung, „ist in unseren Dörfern immer noch lebendig.“ Die parteiamtliche Prawda ergänzte, daß der Kalym auch in Uzbekistan „leider noch nicht abgeschafft ist“ und daß der Kampf gegen dieses „Überbleibsel der Vergangenheit“ in den Republiken Tadschikistan und Kirgisistan ebenfalls weitergehe. Immer noch fordern Eltern Geld und Naturalien für ihre heiratsfähigen Töchter und warten damit oft nicht einmal, bis diese die zehnklassige Mittelschule beendet haben. Und je reicher sie sind, desto höher ist der Kalym.