Wie deutsche Gerichte bei einem Verkehrsunfall den Wert einer Hausfrau bemessen

Als der kleine Michael P. seine Mutter durch einen Verkehrsunfall verlor, war er gerade fünf Jahre alt. Er hatte zwar noch seinen Vater, einen Kraftfahrer, aber niemanden mehr, der ihn versorgte, umhegte und bemutterte. Und auch sein Anspruch auf Schadenersatz gegen die Kraftfahrzeugversicherung des alleinschuldigen Autofahrers, der seine Mutter überfahren hatte, war wenig wert: Die Gerichte sprachen dem kleinen Michael für entgangene mütterliche Dienstleistungen ganze 150 Mark im Monat zu – weniger als ein Zehntel der Kosten einer Haushälterin.

Durch einen Verkehrsunfall ihre Mutter verloren hatten auch Zwillinge in Baden-Württemberg. Zusammen mit ihrem Vater klagten sie gegen die Versicherung des schuldigen Autofahren auf Ersatz ihres materiellen Schadens. Ergebnis: Der Vater erhält eine Rente von 500 Mark, de Kinder bekommen jeweils monatlich 65 Mark und Waisenrenten von jeweils 185 Mark – eine Haushälterin können sich Vater und Kinder davon nicht leisten.

In der Bundesrepublik, in der die Gleichberechtigung gesetzlich festgelegt ist und Schadenersatz ansonsten mit großer Pingeligkeit errechnet wird, bewerten die Gerichte den Verlust einer Hausfrau und Mutter, weil sie kein Arbeitseinkommen hat, noch heute wie ein kleineres Malheur. Dabei läßt sich der Wert der Arbeit einer Hausfrau ziemlich genau errechnen, obwohl er – weil im allgemeinen nicht vergütet – nicht im billionenschweren Bruttosozialprodukt auftaucht.

Nach den Berechnungen von Hermann Schulz-Borck vom Institut für Hauswirtschaft in der Bundesforschungsanstalt für Ernährung, Stuttgart-Hohenheim, arbeiten die knapp 23 Millionen Hausfrauen in der Bundesrepublik etwa 45 Stunden in der Woche – zusammen 53 Milliarden Arbeitsstunden im Jahr. Würden sie dafür leistungsgerecht bezahlt, so erhielten sie Monatsgehälter zwischen 1500 und 2300 Mark brutto.

Ähnlich wertet auch der Bundesangestelltentarif BAT VII, der für eine 33 Jahre alte Hauswirtschafterin 2016 Mark im Monat vorsieht. An diesen Kosten aber müßte ein Schadenersatz für den Verlust einer Hausfrau und Mutter, der diese Bezeichnung verdient, bemessen werden – wobei den Kindern und dem Witwer noch immer nicht aller materieller Schaden, ersetzt wäre. Denn Ersatzkräfte

  • fordern eine zusammenhängende Arbeitszeit; Hausfrauen hingegen arbeiten, zwischen morgens sieben und abends 22 Uhr, in unterschiedlichem Rhythmus und mit Leerlaufzeiten, die jedoch immer noch Arbeitsbereitschaft erfordern;
  • können die wichtigste Aufgabe einer Mutter, nämlich die Erziehung, nur selten vollwertig übernehmen;
  • haben Anspruch auf bezahlten Urlaub und
  • sind im allgemeinen auch bei zusätzlicher Vergütung kaum bereit, 45 oder mehr Stunden in der Woche zu arbeiten.