Siemens will nach zwei Mißerfolgen sein

Computer-Geschäft erneut umorganisieren Der schwierigste und riskanteste Job, den der Weltkonzern Siemens gegenwärtig zu vergeben hat, wird demnächst dem 45jährigen Anton Peisl zufallen. Der promovierte Volks- und Betriebswirt, seit über sechs Jahren kaufmännischer Leiter des Siemens-Unternehmensbereichs Nachrichtentechnik und seit 1971 stellvertretendes Vorstandsmitglied, wechselt am 1. April im Münchner Siemens-Komplex Hofmannstraße auf den Stuhl des Leiters des Geschäftsbereichs Datenverarbeitung.

Peisl ist damit als neuer trouble shooter für das Computer-Geschäft des Elektrokonzerns vorgesehen. Seine Aufgabe: nach dem Verfall des europäischen Computer-Dreierbunds Unidata den Alleingang des deutschen Unternehmens in der Datenverarbeitung zu programmieren und zum Erfolg zu führen. Nach dem Scheitern der Kooperation mit der Radio Corporation of America (RCA) 1971 und dem Absprung der französischen CII im vergangenen Jahr unternimmt damit Siemens den dritten Anlauf im Computer-Geschäft – zumindest vorerst ohne neuen Partner.

Der Elektrokonzern hat zwar im letzten Geschäftsjahr seinen Anteil bei den in der Bundesrepublik installierten kommerziellen und technisch-wissenschaftlichen Computer-Anlagen um weitere zwei Prozentpunkte auf 17,5 Prozent verbessert und auch in Westeuropa Markt-Terrain dazugewonnen. Und von der neuen, noch innerhalb der Unidata konzipierten Computer-Familie 7000 wurden bisher bereits über 650 Anlagen verkauft oder vermietet. Aber die Branche will trotzdem von einer gewissen Siemens-Müdigkeit mancher Computerkunden wissen.

Der Münchner Konzern wird deshalb auf jeden Fall alle Reserven des Hauses mobilisieren müssen, soll der Alleingang gelingen: Bis spätestens 1980 muß nämlich Siemens mit seinem Computer-Geschäft ungestützt auf eigenen Füßen stehen. Denn nur bis dahin kann der Elektrokonzern auf weitere Forschungs- und Entwicklungszuschüsse der Bundesregierung hoffen, wobei noch offen ist, ob es auch künftig wie bisher jährlich rund 90 Millionen Mark sind. Und nur durch eine Konzentration aller Kräfte im Hause wird es Siemens auch möglich sein, eine Unidata-Nachfolgeserie für die achtziger Jahre vorzubereiten und dabei mit wesentlich weniger als den zwei bis 2,5 Milliarden Mark Entwicklungskosten auszukommen, die zunächst für eine neue „Computerfamilie“ angesetzt worden waren.

Der agile Bayer Peisl wird bereits seit seinem Einzug in den Vorstand der obersten Führungsreserve des Konzerns zugerechnet. Schon früh konnte er sich als Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer München auch in einem öffentlichen Amt profilieren. Seine Berufung auf den Schleudersitz des Konzerns wird vor allem damit begründet, daß die Nachrichtentechnik immer größere Bedeutung für die Datenverarbeitung erlange.

Kenner von Siemens hatten schon seit langem immer wieder kritisiert, der Konzern habe viel zu spät erkannt, welche Chancen sich gerade durch die Verknüpfung von Nachrichten- und Datentechnik böten. Erst vor wenigen Monaten warf bei einer Diskussion in München der frühere IBM-Top-Manager Manfred P. Wahl dem Siemens-Vorstand in aller Offenheit vor, er habe seit zehn Jahren versäumt, solche Möglichkeiten zu nutzen. Denn, so Wahl: „In der Nachrichtentechnik hatte Siemens von Haus aus ein Übergewicht und eine enorme Marktposition.“