Das neue Industriekombinat Fos am Mittelmeer bringt bisher nur hohe Verluste

In Fos-sur-Mer, vor kurzem noch als „Ruhrgebiet am Mittelmeer“ gepriesen, wird mehr gestreikt als produziert. An der Mündung der Rhone, unweit von Marseille, wollte die Pariser Regierung ein Industriegebiet riesigen Ausmaßes aus dem Boden stampfen. Besucher aus aller Welt kamen nach Fos, um Europas größte Baustelle zu bestaunen. Doch inzwischen warnen Kritiker bereits, an der Mittelmeerküste bahne sich eine Pleite an, die mit dem Debakel des französischen Überschall-Jets Concorde vergleichbar sei.

Seit Beginn der Bauarbeiten vor fünf Jahren ist Fos Schauplatz heftiger Arbeitskämpfe. Es fing damit an, daß zu manchen Zeiten bis zu 13 000 vorwiegend ausländische Bauarbeiter untergebracht werden mußten. Die Gemeinden rund um die Riesenbaustelle waren völlig überfordert. So schossen Kanisterstädte und häßliche Slums aus dem Boden, in denen soziale Unzufriedenheit gärte.

Nach zwei Jahren hatte das ehrgeizige Industrieprojekt bereits 35 Menschenleben gekostet, weil die Einhaltung von Terminen offensichtlich vor der Sicherheit rangierte. Teilstreiks wurden zu Routineangelegenheiten. Als dann in Fos Hochöfen und Walzstraßen der SOLMER, einer Gemeinschaftsgründung mehrerer französischer Stahlkonzerne sowie der Thyssen-Gruppe, fertiggestellt waren, wollten die Bauarbeiter nicht ohne weiteres das Feld räumen. Die Folge: Sympathiestreiks und Demonstrationen.

In den letzten Wochen drohte nun in Fos ein Arbeitskampf die gesamte Stahlproduktion stillzulegen. Die Gewerkschaften sträubten sich gegen die Kurzarbeit, mit der sich die SOLMER an die Stahlflaute anpassen wollte. Die französische Stahlindustrie hatte sich zwar gegen staatliche Finanzhilfe verpflichtet, keinen Mitarbeiter zu entlassen. Doch eine Drosselung der Produktion war unvermeidlich.

Die SOLMER-Mitarbeiter haben zwar jetzt – gegen den erklärten Willen der Gewerkschaften – ihre Arbeit wiederaufgenommen, aber die Produktion bleibt reduziert. Ohnedies ist seit Januar 1975 einer der beiden Hochöfen stillgelegt. Da die Kapazitäten der SOLMER kaum noch genutzt sind, ist der weitere Ausbau auf Eis gelegt.

In Fos wird nicht mehr investiert – und niemand weiß, wann sich das ändern könnte. Jacques Ferry, Sprecher der französischen Stahlindustrie „Die Vernunft gebietet uns in der Tat, gegenwärtig keine weitreichende Investition vorzunehmen, die unsere finanzielle Belastung erneut verschärfen würde.“ Immerhin erlitt die SOLMER 1975 einen Verlust von einer runden Milliarde Francs.