Von Jürgen Thorwald

Amerikanische Rabbiner unter Führung des Pittsburghers Poupko entwickelten 1956 den ersten Plan für eine Auswanderung sowjetischer Juden nach Israel und gründeten eine Bewegung „Rettet die Sowjetjuden“. Poupko schuf die Theorie: „Sicher möchten Millionen Russen nach Pittsburgh ziehen. Das können sie nicht. Das Auswanderungsverbot für Sowjetbürger würde sie zu Landesverrätern machen. Aber Juden können nach Israel ziehen, weildas keine politische, sondern eine religiöse Entscheidung ist.“

Skeptiker, denen solche religiöse Mystik fehlte, fragten, wie viele der 2 151 000 oder 2 648 000 Juden (davon 239 000 in Moskau) trotz harter Zeiten, die sie hinter sich hatten, noch religiös waren, nach dem Ende Stalins ernsten Diffamierungen unterworfen wurden oder Kommunisten waren und russisch empfanden. Sie sprachen davon, daß nur noch 17 Prozent außer Russisch Jiddisch als Muttersprache angäben (eine Zahl, die genau dem Prozentsatz kanadischer Juden entsprach, die in einem freien Land noch Jiddisch konnten). Auch Nachum Goldman, der achtzigjährige, in Rußland geborene realistische Präsident des Jüdischen Weltkongresses, warnte vor großen Erwartungen.

Als nach dem Sechstagekrieg 1967 – durch Radio und Mundpropaganda – enthusiastische Nachrichten über Israel in große jüdisch-gebürtige Sowjetkreise drangen, wurden einige orthodoxe Gruppen und freiheitshungrige Intellektuelle zu Stoßtrupps für eine Auswanderungsbewegung. Aber sie erhielt erst eine Chance, als die Sowjets mit Nixon und Kissinger über ein Handelsabkommen verhandelten und Kissingers Vorstellungen entgegenkamen, daß sich eine gewisse jüdische Auswanderung auf liberale Amerikaner oder durch jüdische Wahlhilfe beeinflußte Kongreßabgeordnete günstig auswirken werde. So gelangten 1971 mit vorwiegend jüdisch-amerikanischer Finanzhilfe 12 667 Sowjetjuden nach Israel. 1972 waren es 32 000, 1973 dann 34 750.

Aber 1974 plötzlich kamen nur noch 16 800 (10 000 andere entschieden sich für Westeuropa, Kanada und – 3490 – für Amerika). 1975 gab die Sowjetunion bekannt, daß die Zahl der Visa-Anträge auf 850 pro Monat gesunken sei und Juden von bereits erteilten Visa keinen Gebrauch mehr machten. Ernüchterte Beobachter suchten die Ursache für diese Wende nur zum Teil bei Washingtoner jüdischen Aktivisten und beim Kongreß, der (gegen Kissingers Warnungen) die Zustimmung zu dem erwähnten Handelsabkommen von einer sowjetischen Grundsatzerklärung über eine freie jüdische Auswanderung abhängig gemacht hatte. Moskau hatte diese „Einmischung in innere Angelegenheiten“ abgelehnt. Da der Einwandererstrom schon im Jahr vorher gebrochen war, befürchtete man, daß sich eine nur vorübergehende Pro-Israel-Begeisterung unter den Sowjetjuden erschöpft habe oder daß infolge des Jom-Kippur-Krieges vom Oktober 1973 die Bereitschaft schwinde, ein gesichertes Dasein gegen eine ungewisse Zukunft einzutauschen.

Nachum Goldman bemerkte, das Sowjet-Judentum sei weniger durch Repressalien als durch Assimilation gefährdet. Damit war das Wort Assimilation gefallen, und es blieb nur ungewiß, für wie viele assimilierte Sowjetjuden ein junger Ingenieur Litwinow sprach, der 1974 nach Amerika einwanderte und erklärte: „Ich bin jüdisch, aber in russischer Kultur aufgewachsen. Ich betrachte mich als Russen.“

Wir erinnern uns: 1921 überwarf sich der Amerikaner Brandeis mit Zionisten, die eine Sammlung des jüdischen Volkes in einem palästinensischen Staat verfochten, während er in der palästinensischen Siedlung ein soziales, ethisches, moralisches Vorbild für die Masse der weiter in den verschiedenen Nationen der Welt lebenden Juden erhoffte. Vielleicht wäre die israelischjüdische Wirklichkeit nach dem Scheitern der großen Einwanderungsträume den Vorstellungen Brandeis nahegekommen, wenn die ständigen Auseinandersetzungen mit den Arabern den Israelis Zeit und Kraft gelassen hätten, um auf den „jüdischen äußeren Kosmos“ mehr Brandeissche geistige Impulse auszustrahlen.