Köln

Die katholische Theologie-Professorin Uta Ranke-Heinemann hat Ärger mit Kardinal Höffner. Nach der Panorama-Sendung Anfang Februar, in der sie die jüngste Vatikan-Erklärung zur Sexualethik als „weithin lieblos, ungerecht und theologisch völlig schludrig“ bezeichnet hatte, kam ihr aus dem Kölner Generalvikariat ein Brief ins Haus. Der Tochter des Altbundespräsidenten, die in Neuss an der Pädagogischen Hochschule lehrt, wurde vom Weihbischof Luthe mitgeteilt, daß wegen ihrer Kritik über ihre kirchliche Lehrerlaubnis zu sprechen sei.

Am vergangenen Freitag fand dieses Gespräch unter sechs Augen statt. Vor den kirchlichen Experten für Hochschul- und Glaubensfragen mußte sich die umstrittene Theologin rechtfertigen. Ranke-Heinemann blieb bei ihrer Meinung. Die Kirchenfunktionäre bestanden darauf, daß vorerst kein Schlußstrich gezogen wird. Im Klartext heißt das, daß ihr Lehrstuhl weiter wackelt.

Das Vatikan-Papier, das die Zügel auf dem Gebiet der Sexualität anzieht, war bei. vielen Katholiken und Seelsorgern auf Widerstand gestoßen. Die Kirche hatte darin vorehelichen Geschlechtsverkehr, Selbstbefriedigung und Homosexualität strikt verurteilt. Heinemanns Tochter warf Rom vor, mit der Heiligen Schrift in Widerspruch geraten zu sein.

Die Theologin steht nach Meinung informierter Beobachter längst auf der „Abschußliste“. Verübelt wird ihr in konservativen Kirchenkreisen vor allem die Toleranz gegenüber Andersdenkenden. So hatte sie nach ihrer Reise ins kommunistische Nordvietnam jenen Leuten ihrer Kirche widersprochen, die einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Kommunismus und Christentum sehen und propagieren. Wirbel hatte die von ihr veröffentlichte Unterhaltung mit dem Oberbürgermeister von Hanoi, Hung, gemacht, der ihr zugestanden hatte, daß ein Kommunist gleichzeitig Christ sein könnte.

Die zunehmende Schärfe der katholischen Amtskirche gegenüber Abweichlern aus den eigenen Reihen beurteilen Kenner der Szene auch vor dem Hintergrund der Bundestagswahlen im Herbst. Eine Auflockerung der traditionellen Sittenstrenge und einen politischen Meinungspluralismus wolle die Kirche schon im Vorfeld des Wahlkampfes unterdrücken, heißt es. Hingewiesen wird auf die vom Münchener Kardinal Döpfner angekündigte Parteinahme der Kirche im bevorstehenden „harten“ Wahlkampf. Die Kirche, so ließ der Chef der deutschen Bischofskonferenz wissen, wolle „unerbittlich mitkämpfen“. Gleichzeitig rügte der Oberhirte die vom Kurs der Amtskirche abweichenden Theologen, denen gegenüber es „eine Grenze der Toleranz“ geben müsse.

Auch der Kölner Kardinal Höffner, in dessen Auftrag Ranke-Heinemanns Lehrerlaubnis überprüft wird, plädiert für Strenge gegenüber hauseigenen Kritikern. Die Kirche könne keine Toleranz üben gegenüber einem „Pluralismus, der bis in die sittlichen Grundwerte reicht“. Die Kirche brauche Geschlossenheit („wir haben nur als einheitliche Gruppe Erfolg“). Heinz Kornetzki