ZEIT-Diskussion: Numerus clausus und Hochschulzugang

Das „Plus“ zum Abitur: Berichte aus wissenschaftlichen Werkstätten

Von Hayo Matthiesen

Eine Vision soll das sein? Eine Utopie? Keineswegs; das kann schon bald Wirklichkeit werden: In einem Raum, groß wie ein Klassenzimmer und eingerichtet etwa wie ein Sprachlabor, sitzen gut zwei Dutzend junge Leute. Vor wenigen Tagen haben sie ihr Abitur bestanden, jetzt’werden sie getestet: Wer von ihnen ist wirklich „studierfähig“?

Fernsehkameras in den vier Ecken verfolgen jede Bewegung, zeichnen jeden Vorgang auf. Schalldichte Wände trennen die Probanden voneinander. Ein programmiertes Schaltpult gibt jedem über Kopfhörer Arbeitsaufträge. Ein Bildwerfer projiziert Skizzen und Graphiken auf eine Leinwand; Knöpfe leuchten auf, Tasten werden gedrückt, Relais klicken. Computer speichern alle Daten und werten sie sofort aus – ist der Test vorbei, liegt auch das Resultat schon vor.

Fast klinisch-keimfrei ist es zustande gekommen – ist es deswegen auch absolut objektiv und unanfechtbar gerecht? Ist dies Testlabor ein Triumph der Technik und der psychologischen Wissenschaft oder eher ein Horrorbild, vergleichbar einer vollautomatischen Hühnerfarm? Big brother ist. – der juristischen Unanfechtbarkeit wegen – immer dabei in diesem technisch perfekten Raum, für den Pläne fix und fertig vorliegen. Ginge es nach dem Kölner Psychologie-Professor Josef Hitpass, der sich selber einen „Vorarbeiter bei der Entwicklung von Studierfähigkeitstests“ nennt, könnte die Arbeit im Labor demnächst beginnen: „Es fehlt eigentlich nur noch die politische Entscheidung.“

1970 machten 84 000 Schüler das Abitur, und 510 000 Studenten besuchten die Universität. In diesem Jahr gibt es gut 130 000 Abiturienten und etwa 830 000 Hochschüler; 1980 haben weit über 160 000 junge Menschen das Reifezeugnis, und wahrscheinlich beanspruchen 1,5 Millionen einen Platz in einer Hochschule. Die Konsequenz ist klar: Die Nachfrage übersteigt bei weitem das Angebot. Hitpass: „Schon 1977/78 können mindestens 48 000, wahrscheinlich sogar 100 000 formal Studienberechtigte überhaupt keinen Studienplatz bekommen.“