Eine Reform der medizinischen Versorgung fordert harte Opfer von allen

Von Dieter Piel

Die einen beklagen sich über Volksverhetzung und die anderen schimpfen über die Rezessions-Gewinnler. Massen werden gegen Massen mobilisiert. Diffamierung breitet sich aus. Der Wahlkampf hat begonnen, und die Kämpfenden tummeln sich zum ersten Male in der Geschichte der Bundesrepublik auf dem Feld der Gesundheitspolitik. Dabei begünstigt die Unübersichtlichkeit des Terrains die Heckenschützen.

Vor wenigen Tagen warnte der Vorsitzende des Kassenarztverbandes vor einer „verstaatlichten, sozialisierten und seelenlosen Medizin“, obwohl dies keine der im Bundestag vertretenen Parteien wünscht. Auf der anderen Seite kritisieren Politiker der Sozialdemokraten und der Unionsparteien das derzeitige System der Gesundheitspolitik, vor allem die unbestreitbaren Auswüchse bei der ärztlichen Honorargestaltung oder auf dem Arzneimittelmarkt, schweigen aber über andere Mängel, an denen eine größere Zahl von Wählern die Schuld trägt. Die Freien Demokraten schließlich versuchen, die Ärzte von aller Kritik auszusparen, um deren Sympathien nicht zu verlieren.

Zeiten der Irreführung

Wahlzeiten waren noch allemal Zeiten der Irreführung. Doch im Bereich der Gesundheitspolitik, die in der nächsten Legislaturperiode des Bundestages möglicherweise zum wichtigsten Thema der Gesellschaftspolitik avanciert, könnte sich Demagogie besonders bitter rächen. Denn jene, denen heute Sand in die Augen gestreut wird, könnten die Gefolgschaft verweigern, wenn eine umfassende Reform des Gesundheitswesens auch ihnen Opfer abverlangt.

In Wahrheit nämlich krankt unser System der Gesundheitspolitik an allen seinen Gliedern. Es ist morsch, weil es in seinen wichtigsten Grundzügen ein Kind des vergangenen Jahrhunderts ist; prinzipielle Änderungen hat es seitdem nicht mehr gegeben. Das System läßt sich nicht mehr handhaben, weil es weniger für mündige Bürger gedacht ist als für „Herren“ und „Untertanen“.