Von Bernhard Kytzler

Gott-Essen“ – das ist das aztekische Ritual, acht Jahre nach der Eroberung Mexikos von dem spanischen Franziskaner Bernhardino de Sahagun beschrieben als Kultvorgang, in dem die Figuren des Gottes Uitzilopochtli alljährlich aus einem Teig aus dem Samen des Stachelmohns geformt, zerteilt und verzehrt werden.

„Gott-Essen“ – das ist ein (polnisch geschriebenes) Buch des vor einem Jahrzehnt mit „Shakespeare heute“ berühmt gewordenen, jetzt in den USA lebenden Autors Jan Kott, zuerst englisch 1973 erschienen, von Peter Lachmann aus der Urfassung mit außergewöhnlicher Sorgfalt ins Deutsche übertragen und im Einvernehmen mit dem Verfasser überarbeitet: eine mustergültige Leistung eines dienenden Interpreten –

Jan Kott: „Gott-Essen“, Interpretationen griechischer Tragödien, aus dem Polnischen von Peter Lachmann; Piper Verlag, München, 1975; 326 S., 34,– DM.

„Gott-Essen“ – das ist „tasteless, trivial, tiresome“ (fad, trivial, langweilig; „Times“); das ist „lively and often suggestive“ (lebendig und oft suggestiv; „The New York Review“); das ist ein „geistvolles Buch“ (Albin Lesky in der „Neuen Zürcher Zeitung“); Kotts Weg jedoch (Siegfried Melchinger in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“) sei „die schlimmste Verfälschung der griechischen Tragödie“ – kurz: „Gott-Essen“, so verkündet Hans Mayer in der „Süddeutschen Zeitung“, „ist ein faszinierendes Buch.“

Was ist es nun also? „Gott-Essen“ ist ein 265 Seiten umfassender Text zur Interpretation der griechischen Tragödien, abgestützt durch 47 Seiten Anmerkungen, umrahmt durch den vorangestellten (und wohlverdienten) Dank des Autors an den Bearbeiter und durch Lachmanns instruktive „Nachbemerkungen“ (vier Seiten). Neun Essays, zu Aischylos, Sophokles und Euripides, sprechen über Prometheus, Aias, Herakles, Philoktet, über Alkestis und die Bakchen, über Orest, Elektra und Hamlet – angesiedelt im Lager der Komparatistik, gesalbt mit dem Öl des Strukturalismus, getönt von der Sonne der Psychoanalyse, gewürzt mit den Ein- und Ansichten eines Literatur- und Theatertheoretikers von internationalem Rang.

Vier fürchterlich fehlerhaft verbundene Metaphern, fragt man vielleicht verwirrt oder vorwurfsvoll den Referenten. Aber wer nach dem Kampf von Chaos und Kosmos, wie Kott ihn beschwört, nach all den Archetypen und Mythen, den Signifikaten und Signifikanten, den Allegorien und Allegoresen, den Bedeutungen und Bedeutsamkeiten, nach dem „Dickicht der Symbole und Permutationen“ noch in schlichten Sätzen berichten könnte, der wäre um das Buch herumgegangen, hätte sich nicht in es hinein-, durch es hindurchgelesen.