Von Arnulf Baring

Das ist Willy, endlich mal“, sagte Rut Brandt, als sie das Bändchen von

Carola Stern: „Willy Brandt“; Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1975; 149S.,6,80 DM

gelesen hatte. Man versteht ihre Erleichterung. Denn was gab es bisher über ihren Mann? Ein ganzes Regal Bücher, aber eigentlich wenig Brauchbares darunter. Das ist an sich nicht erstaunlich: wahrscheinlich waren es meist Auftragsarbeiten, Wahlkampf-Unterstützungen. Und doch wundert man sich, wenn man bedenkt, wie früh Brandt dem eigenen Nachruhm, der Fixierung seines historischen Bildes, literarische Aufmerksamkeit zuwandte, der geschichtlichen Berufung gewiß.

Sollte die enttäuschende Bilanz der bisherigen biographischen Versuche an seinem mangelnden Blick für Menschen liegen, an ungeeigneten Autoren, die sich mit seiner Hilfe an die immer delikate Aufgabe einer Lebensbeschreibung machten? Oder war die Ursache das fehlende Erinnerungsvermögen Brandts, vielleicht auch Verdrängungen („Es ist schwer für mich, zu glauben, daß der Knabe Herbert Frahm ich selber war“)? Oder lag es an seiner Sprödigkeit im persönlichen Umgang, an der Unfähigkeit, sich anderen anzuvertrauen?

Wie dem auch sei – mit sicherem Blick für das Wesentliche hat jetzt Carola Stern aus der bisherigen Literatur, auch aus Reden und Briefen und eigenen, wichtigen Interviews das herausgefiltert, was man heute mit einiger Sicherheit über diesen Mann sagen kann und was der Leser einer einfühlsamen, diskret kritischen Lebensschilderung erwarten darf. Keine freundlichen Redensarten. Keine vagen Spekulationen. Auch keine voreilige Schlußbilanz. Sondern eine konzentrierte Skizze der wechselnden Szenerien, Personen und Stationen, die in sechs Jahrzehnten Brandts Werdegang bestimmt haben.

Das beginnt mit dem „doppelten Zurückgesetztsein“ als vaterloses Arbeiterkind. Der Sozialismus als Heimat, als „idealistische Gemeinschaft Gleichgesinnter“, nicht als festes, marxistisches Denkgebäude. Die Ersatzväter Julius Leber, Jakob Walcher, Ernst Reuter, bei denen er „in Etappen, in einem langen, zeitweise schmerzlichen Prozeß die Loslösung des Sohnes von der Gestalt des Vaters nachholte“. Der Bruch mit der SPD, der Übertritt zur SAP 1931 aus Einsichten, die vierzig Jahre später, in einer ganz anderen Situation, neuen Generationen plötzlich erneut plausibel schienen. Die Lehr- und Wanderjahre der Emigration, in denen sich eine eigentümliche Widersprüchlichkeit zeigt zwischen der beginnenden Weitläufigkeit und Aufgeschlossenheit auf der einen Seite und einer noch lange nachwirkenden sektiererischen Enge auf der anderen.