Einen engstirnigen, selbstzufriedenen kulturellen Isolationismus brauchen sich die Deutschen nicht vorzuwerfen. Die Tatsache, daß sie sich in diesem Jahrhundert zwölf Jahre lang größenwahnsinnig abgekapselt und geglaubt haben, mit ihrem eigenen völkischen Stickstoff auszukommen, wirkt bis heute nach.

Jäh schlug 1945 nationale Überheblichkeit um in eine rührige Xenophilie. Einmal aus dem Gefühl der Unterlegenheit heraus: Nach ihrer schlimmen Niederlage, militärisch und moralisch, konnten sich die Deutschen selber nicht mehr gut sein. Und dann fanden sie sich tatsächlich in einem kulturellen Vakuum wieder: Die eigene weltoffene Intelligenz war ermordet, verjagt, mundtot gemacht oder korrumpiert worden; und aus dem Zusammenhang der kulturellen Weltzeit hatte sich Deutschland wegbegeben. Ein Sog entstand, der zu mächtigen kulturellen Importüberschüssen führte.

Es dauerte über zehn Jahre, bis man sich langsam an den Gedanken herantraute, daß auch in Deutschland selbst wieder eine ernstzunehmende Literatur entstehen könnte. Daß der deutsche Film mehr als ein provinzielles Phänomen ist, glauben wir erst heute zögernd, wenn es uns vom Ausland her ausdrücklich bestätigt wird.

Gierig stürzte sich Deutschland zunächst auf den Jazz und später den Beat; auf amerikanische, französische, italienische Filme; die Theater bezogen von Sartre über Ionesco und Beckett bis zu den Avantgardegruppen den größeren Teil der Anstöße von draußen; nach wie vor übersetzt kaum ein anderes Land so viel wie Deutschland. Und vergleicht man die Kulturteile der deutschen Presse mit denen der britischen, französischen oder gar der amerikanischen, so müßte eine objektive Instanz uns wohl einen gewissen Vorsprung an Aufgeschlossenheit bescheinigen.

Dennoch hat sich die Situation geändert. Die Entdeckungslust der frühen Nachkriegsjahre ist dahin. Das Interesse ist erstarrt. Es richtet sich auf bestimmte Länder, während andere Kulturen immer weiter an den Rand unseres Gesichtsfelds rücken; auf bestimmte eingeführte Namen; auf bestimmte Vermittlungsformen. Über ein neues Stück von Pinter oder einen neuen Roman von Bellow wird der deutsche Leser von deutschen Korrespondenten prompt informiert. Aber wissen wir, welcher amerikanische Autor die Amerikaner heute mehr beschäftigt als Bellow? Wer hat schon von Pynchon gehört? Und was erst, wenn der Mann aus Kolumbien kommt. Spanisch schreibt und den kaum aussprechbaren Namen García Márquez trägt? Ideen haben bei ihrem Weg nach Deutschland eine Reihe von Kontrollstationen zu passieren, die nach einem ungeschriebenen Gesetz Passierscheine erteilen oder verweigern. Überraschungen gibt es nur noch selten.

Da dies so ist, und da außerdem der subjektive Kurzessay, der ein „Feuilleton“ immerhin auch sein könnte, aus den Kulturseiten der deutschen Presse fast ganz verschwunden ist, wollen wir den Versuch machen, beiden Mängeln ein wenig entgegenzuwirken. Von dieser Ausgabe an wird in jeder ZEIT eine internationale Kolumne erscheinen, in unregelmäßigem Wechsel geschrieben von bekannten Schriftstellern, Wissenschaftlern, Journalisten, die zumeist im Ausland leben und selber zwischen den Kulturen zu Hause sind: Carlos Barral, Peter Demetz, Efim Etkind, Eduard Goldstücker, Lars Gustafsson, Bernard Levin‚ Susan Sontag, Manès Sperber, Ludvík Vaculik und wahrscheinlich anderen. Jeder von ihnen schreibt, auf seine Weise, über Themen seiner Wahl. Wir wünschten, durch dieses Fenster zur Welt würde Unvorhergesehenes sichtbar.

Dieter E. Zimmer