ZEIT: In der letzten Zeit häufen sich in Hamburger Lokalzeitungen Meldungen über angeblich unhaltbare Zustände in der Strafanstalt Fuhlsbüttel. Die laxe Handhabe des Strafvollzugs mache das Gefängnis zu einem fidelen, heißt es. Wie stellen Sie sich zu diesen Vorwürfen?

Senator Klug: Es ist ein spezifisch Hamburger Problem, daß wegen einer leider sehr einseitigen Presselandschaft die Hamburger Lokalzeitungen weitaus weniger differenziert über den Strafvollzug in der Anstalt II (Fuhlsbüttel) berichten, als es die überregionalen Zeitungen glücklicherweise zu tun pflegen.

Ich bestreite ganz entschieden, daß es „unhaltbare Zustände“ in Fuhlsbüttel gibt und daß es sich um ein „fideles“ Gefängnis handelt; was man auch immer darunter verstehen mag. Von meinen beiden Amts Vorgängern Heinsen und Seeler habe ich ein modernes Vollzugskonzept für diese Anstalt übernommen, das ich gemeinsam mit dem Anstaltsleiter und den in der Anstalt tätigen Mitarbeitern weiterentwickeln möchte. Die Erfolge bestätigen mich in meiner Auffassung. Das beweist beispielsweise die Nichtrückkehrerquote bei der für die Resozialisierung und damit für eine Verringerung der Rückfallkriminalität so wichtigen Urlaubsregelung. Sie beträgt rund 3 Prozent und liegt damit niedriger als die Quoten in allen anderen Bundesländern.

Der frühere Verwahrvollzug war nicht sicherer. Er hat vielmehr noch im Jahre 1972 dazu geführt, daß einige Gefangene eine Meuterei inszenieren konnten, bei der Beamte der Anstalt in höchste Gefahr gerieten. Die Anstalt, die nach der Übernahme des jetzigen Anstaltsleiters eine weitgehende Freiheit nach innen ermöglicht, gehört nach wie vor nach außen zu den sichersten Anstalten in der Bundesrepublik; so ist seitdem kein einziger Ausbruchsversuch geglückt. Ich habe auch aus diesem Grunde keine Veranlassung, nach Vorkommnissen, die in den Anstalten anderer Bundesländer kaum beachtet worden wären, die Vollzugspraxis der Anstalt II zu ändern, nur weil eine politisch gezielte öffentliche Kampagne diese Vorkommnisse zu Vollzugsskandalen hochstilisiert.

ZEIT: Resozialisierung kostet Geld. Die Strafanstalten brauchen besser ausgebildete Beamte, und sie brauchen mehr Psychologen. Kann heute überhaupt noch, da allerorten gespart werden muß, ein solch moderner Strafvollzug gewährleistet werden?

Senator Klug: Ohne Zweifel kostet ein moderner Wiedereingliederungsvollzug Geld. Die Investitionen lohnen sich aber insbesondere dann, wenn man als ein wichtiges Ziel die Verringerung der Rückfallkriminalität anstrebt. Wenn man bedenkt, daß der Rückfall eines Kriminellen die Steuerzahler bis zu 100 000 Mark kosten kann, so muß doch jedem einsichtigen Bürger klar sein, daß Investitionen in einen behandlungsorientierten Vollzug, der ausschließlich die Wiedereingliederung des Straftäters in die Gesellschaft zum Ziel hat, billiger sind als die Aufwendungen für einen Rückfall in die Kriminalität. Mit den derzeitigen bescheidenen finanziellen Mitteln läßt sich allerdings ein moderner Strafvollzug nur mit großen physischen und psychischen Kraftanstrengungen aller in den Anstalten tätigen Mitarbeiter durchführen. Selbstverständlich wäre es besser, wenn wir mehr Beamte und nicht zuletzt auch mehr Psychologen einsetzen könnten.

ZEIT: In Amerika ist eine Diskussion im Gange, in der – überspitzt formuliert – härtere Strafen und weniger Psychologie gefordert wird. Es sei eine Illusion zu glauben, daß Kriminelle sich durch Rehabilitierungsprogramme kurieren lassen, behaupten einige amerikanische Soziologen. Müssen die Anhänger eines Resozialisierungsprogramms resignieren?

Senator Klug: Die Diskussion wird in den USA sehr differenziert geführt. Wie bei uns gibt es auch in den Vereinigten Staaten eine kleine, aber lautstarke Minderheit, die ausschließlich am Gedanken von Rache und Vergeltung orientiert ist und ihre Sympathie für Rehabilitation lediglich auf der Woge einer gesellschaftlichen Strömung heuchelt. Dagegen sind von den fachlich qualifizierten leitenden Beamten aller Vollzugsverwaltungen in den USA 63 Prozent der Überzeugung, daß Rehabilitationsprogramme sinnvoll und wirksam sind. Überhaupt wird die Differenzierung unter den Stichworten; Behandlungsfähigkeit, Behandlungswilligkeit und Behandlungsbedürftigkeit als Grundvoraussetzungen für das Funktionieren spezieller Programme stark hervorgehoben. Diese Auffassung liegt auch unserer Arbeit in Hamburg zu Grunde. Neuere Beispiele für Differenzierungsbemühungen sind die Sonderanstalt Bergedorf und die Übergangsanstalt Moritz-Liepmann-Haus. Beide Einrichtungen, die vornehmlich den Vollzug der Anstalt II fortsetzen und zu Ende führen sollen, arbeiten nach den uns vorliegenden Zahlen erfolgreich, wenngleich sie gemessen an dem Bedarf viel zu klein sind.