Welche Festbraten ißt der Berliner am liebsten?“ fragte kürzlich eine Ostberliner Zeitung. Zuerst einmal mußte der Leser erfahren, daß die Gans an Beliebtheit verloren hat. Neuerdings mischt die Pute mit. Und ihr folgt die Ente. Doch Kaninchen und Pute, die beiden Fettarmen, sind besonders stark im Vormarsch, wobei Puten vor allem in den Neubaugebieten gefragt sind. „Liegt das daran, daß hier die Bewohner jünger und kalorienbewußter sind?“ fragte hoffnungsvoll die Zeitung.

Denn kalorienbewußte Bürger wünscht sich die DDR, und das nicht nur zu Festtagen. 40 Prozent aller ihrer Frauen, 20 Prozent ihrer Männer und sogar schon 15 Prozent ihrer Kinder bringen erhebliches Übergewicht auf die Waage. „Tagtäglich beobachte ich viele Schüler aller Altersgruppen, die sich vor Schulbeginn beim Bäcker Kuchen und Brötchen kaufen“, schrieb ein Leser zu der Umfrage in Für Dich: „Wie halten Sie es bei Ihren Kindern mit dem Frühstück vor der Schule?“ Und Professor Findeisen von der Pädagogischen Hochschule in Potsdam mutmaßte: „Eltern geben nur ungern zu, daß sie den hindern zum Frühstück statt Vollkornbrot mit Quark und Obst aus Bequemlichkeit eine Mark in die Tasche stecken, die dann zum Zuckerbäkder getragen wird.“ So bringt man es schon in ungen Jahren zum Schwergewichtler. Die älteren Semester haben da andere Möglichkeiten; so nahm in den letzten Jahren zum Beispiel der Bierverbrauch erheblich zu. 35 Kilo Zucker mehr als erforderlich verbraucht im Jahr jeder DDR-Bünger.

„Die Fettsucht hat langsam epidemischen Charakter angenommen“, klagen die Ärzte und versuchen, die Eßwütigen durch Aufzählung der Krankheiten zu schrecken, die sie sich durch Fettsucht aufhalsen können: Verkalkung, Plattfüße, Gicht und Schlaganfall, um nur einige zu nenren. Jährlich etwa drei Milliarden Mark kostet die Fettsucht den Staat, zählt man die Belastung durch geringe Lebenserwartung, Frühinvalidität, Behandlungskosten, Kuren, Unfälle, Produktonsverluste – eben alles, was à conto Fettsucht geht – zusammen.

Wissenschaftler in der DDR haben ausgerechnet, was zu tun ist, um das, was man sich auf den Leib ißt, wieder loszuwerden. Hier einige Beispiele: 100 Gramm Schinken = eine Stunde Fadfahren, eine Portion Sahneeis = eine Stunde Holzsägen, ein süßer Bonbon = 30 Minuten Oberhemden bügeln und 125 Gramm Äpfel = eine Stunde Klavier spielen. Spöttelte ein Leser dieser Botschaft: „Daß man eine Stunde Klavier, spielen muß, um 60 Kalorien, die in 125 Gramm Apfel stecken, abzubauen, war sicher kein Aprilscherz. Welche Komposition ist dafür aber am geeignetsten?“

Viele führen das Übergewicht auf das Betriebsessen zurück. Zwar gibt es bei Potsdam ein Zentralinstitut für Ernährung, das auch Diätpäne für Großküchen erarbeitet und Speisepläne für Leicht- und Schwerarbeiter aufstellt, doch zu wenige richten sich bisher nach diesen Vorschlägen. „An unseren Universitäten gibt es zwar mehrere Lehrstühle für Tierernährung“, klagt ein Arzt, „aber keinen für die menschliche Ernährung.“ Allerdings scheint ein Universitätslehrstuhl kein Garant fürs Idealgewicht zu sein: häufigste Krankheit der Tiere, die in der Staatlichen Tierpoliklinik Berlin-Schöneweide behandelt wurden, ist die Fettsucht.

Die DDR begeht jährlich eine Woche der gesunden Ernährung. In Spezialverkaufsstellen wird dann für diätische Erzeugnisse geworben. Doch viele wollen keine Diät. Essen soll für Strapazen, Sorgen und Enttäuschungen entschädigen. Es ist oft Ersatz für Genüsse, die man nicht mehr haben kann. Männer glauben, ihren Frauen ein Kompliment zu machen, wenn sie von den Buletten drei statt zwei essen. Mütter glauben, es ihren Kindern schuldig zu sein, sie stets und ständig zu überfüttern. Und so schwabbeln denn in der DDR – statistisch gesehen – 84 000 Tonnen überflüssiges Fett umher. Und noch immer gibt es Unverfrorene, die sogar öffentlich bekennen: „Mögen die Ärzte recht haben, ich mache trotzdem, was ich will. Meinen Körper ruiniere ich mir allein.“ – „Dann sollte er auch später die notwendige ärztliche Hilfe selbst bezahlen, statt der Sozialversicherung die Kosten aufzubürden“, ärgerte sich ein Vernünftiger. „Ich jedenfalls habe keine Lust, für seine Unvernunft mit zu bezahlen.“

Professor Hecht vom Zentralinstitut für Herz- und Kreislauferkrankungen in der Akademie der Wissenschaften sieht in einer gesunden Lebensweise, die Übergewicht ausschließt, einen der Wege zur Verwirklichung des Sozialismus: „Die Gesundheit der sozialistischen Persönlichkeit erfordert ein entsprechendes Gesundheitsbewußtsein als Teil des sozialistischen Bewußtseins.“