ZDF, Sonntag, 29. Februar: "Zeit der Anpassung? Die Veränderung des geistigen Klimas in der Bundesrepublik."

Das Wort zum Montag: eine richtig schöne Sonntagabend-Sendung. Kluge, formuliergewandte Demokraten reden aneinander vorbei. Der Schreck, den Heinrich Böll, Peter Schneider ("... schon bist du ein Verfassungsfeind"), Peter Wapnewski und der Diskussionsleiter Reinhart Hoffmeister angesichts erwähnter Fälle von Gesinnungsschnüffelei und geistigem Muckertum empfanden, teilte sich dem bayerischen Kultusminister Hans Maier und dem Chefredakteur Johannes Gross nicht mit.

Mit der Sanftmut barmherziger Samariter beugten sich Maier und Gross, zwei bekannte Produzenten von Sprachwatte, über Wunden und Narben, die ihnen von ihren Diskussionspartnern am Körper des Rechtsstaates gewiesen wurden, und deckten alles mit Tupfern und Pflastern aus ihrem großen rhetorischen Verbandskasten zu. Da gibt es also tatsächlich in Maiers Kultusministerium eine Beamtin, die einer Lehramtskandidatin schreibt, "von Vorteil wäre es auch", wenn die Scheidung von dem einer nicht genehmen Links-Partei angehörenden Ehemann dokumentiert werden könne – und der Minister spricht tatsächlich von "Entlastung", die ein solcher Schrieb bedeute, und Herr Gross flötet etwas von der "rührenden Hilflosigkeit des Staates". Hat Böll so unrecht, wenn er sich bei solchen Anzeichen von "Sippenhaft" an die Nürnberger Rassengesetze erinnert fühlt? Und muß es dem Jüngsten in der Runde, Peter Schneider, vorbehalten sein, dies auszusprechen: "Wie in die Enge muß ein Mensch getrieben sein, der dies angibt, wenn er in den Staatsdienst will, daß er ja von dem KP-Partner geschieden ist ..."?

Natürlich sind Maier, der Politiker, und Gross, der Publizist, unverdächtige Verteidiger demokratischer Freiheiten; aber daß sie beide, jedenfalls in dieser Sendung, das Problem wachsenden Kleinmuts und lähmender Gleichgültigkeit nicht sahen, von dem Wapnewski sprach, daß sie unempfindlich sind für den Klima-Umschlag im geistigen Leben, zeigt, wie notwendig diese Sendung des Literarischen Colloquiums ist, die schon ohne das Fragezeichen auskommen könnte.

Lauter freundliche, meistens druckreif parlierende Herren – und doch Gespensterstunde. Ehe die Diskussion beginnen konnte, die in diesem Kreis vielleicht sogar Ergebnisse an Einsicht gebracht hätte, war die für solche Debatten sinnlos starre Sendezeit abgelaufen. Wieder eine dieser Diskussionssendungen ohne Diskussion zu mitternächtlicher Stunde. Gute Nacht!

Rolf Michaelis